ars vivendi / design oder Nichtsein
In Südfrankreich sind die Malerinnen und Maler zuhause, das weiß man doch spätestens seit van Gogh und anderen. Das Licht, die Farben, das Ambiente, alles geschaffen für das Künstlerleben, so sagt man wohl, das savoir vivre eben.
Und es gibt heuer auch veritable Malergruppen, die sich aus Individuen zusammensetzen , dort ständig wohnen und zugange sind ebenso wie z.B. deutsche Reiseveranstalter, die Malreisen und-kurse in den südlichen Gefilden anbieten.
Neuerdings aber scheint die Toscana der Provence den Rang abzulaufen, warum auch immer.
In der Regel frönen diese Menschen dem Aquarellieren, einer Tätigkeit, die selbst gestandene und gutwillige Männer noch immer an den Geruch von Mädchenschweiß und weichen Bleistiften erinnert, zumal, wenn bunte Bänder um breitkrempige Strohhüte flattern. Aquarellmalenn hat sowas von Pensionat für höhere Töchter, sowas Zart-Behutsam-Verblasenes.
Nichtsdestoweniger werden mitunter richtig schöne Ergebnisse erzielt, Ansichten von Märkten, Plätzen und Kirchen, die von den Besuchern der Ausstellungen im Rathaus oder im Touristenbüro freudig wiedererkannt und dann und wann sogar zu ehrlichen Preisen nach Hause getragen werden.
Und etablierte Künstler gibt es freilich auch, in der überregionalen Presse lobend erwähnt und international von connaisseuren geschätzt. Ein Engländer, den Sommer über im Süden, soll seine oeuvres gar über das Internet anbieten.
Eine jene Aquarellistinnen nun hatte eine unbeirrte Freundin in Hamburg, die an der Kunsthochschule Grafik und Design mit ehrlichem Bemühem studierte und von den Professoren die allerbesten Noten ob ihres Fleißes und ihrer Begabung erhielt. Sie war schon das eine oder andere Mal in der Nähe zu Besuch gewesen und hatte mit leichter Hand lichtvolle Farbkompositionen aufs Papier geworfen, die den Atem nahmen: La provence, eindeutig.
Wieder daheim in kühlen Norden kam der Tag der Examina, vebunden mit einem Design-Wettbewerb.
Auch diese Hürde meisterte sie mit bravour, war die beste ihres Jahrgangs.
Die Aufgabe hatte darin bestanden, Gebrauchsgegenstände des täglichen Lebens zu gestalten, und ihr war das Thema "Fußmatten" , regional auch "Fußabtreter" genannt, zu designen. Auch hier war für sie wieder der erste Preis fällig.
Eine Designerwerkstatt hat ihr auf der Stelle einen job angeboten, sehr gut dotiert.
Sie wollte lieber nicht.
Jetzt wohnt sie bei ihren Freunden im Dorf , malt ihre aufregenden Landschaftskompositionen und lebt recht ordentlich von deren Verkauf auf den Märkten, zu denen sie mit ihrem alten R 4 fährt.
Sie will nicht mehr zurück.
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