As times goes by
Wo immer Menschen aus Minderheiten zusammentreffen, Individualisten, Kosmopoliten, atypische Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, sei es in den Ferien, bei einem Expresso oder einem Kaltgetränk, und wenn sich die Gespräche dann um die oder den jeweils anderen drehen, dann passiert es mit ziemlicher Sicherheit, dass ganz bestimmte Fragen und Aufforderungen den Prozess der Kommunikation erleichtern und zum Amüsement beitragen.
„Setz doch mal deine Brille ab!“, oder „Zeig doch mal deinen Ausweis/Pass/Führerschein.“, heißt es dann auffordernd, und es dauert nicht lange, und die ganze Bande johlt vor Vergnügen, weil die eine mit der Brille des anderen nun partout nichts mehr sehen kann oder mindestens so ungewohnt aussieht wie Herbert, als er seine Fahrprüfung gemacht hat.
Brillentausch und Fotos zeigen hat etwas anrührend Menschliches und zugleich eine selbststabilisierende Wirkung: Auch du bist nicht davongekommen, auch du hast dich (überhaupt nicht) verändert.
Und alle erbleichen gemeinsam, niemand ist mehr allein mit den Illusionen. Klammheimlich überlegt der eine oder die andere dann vielleicht doch, nun endlich den Führerschein aufs europäische Format bringen zu lassen, aber dann mit dem Foto aus dem Studio, dem vorteilhaften, vor aufgehender Sonne.
Natürlich bieten diese alten Ansichten die besten Anknüpfungen für alte Geschichten aus den Jahren. Erika sah damals bei der KPD-AO schon genauso streng und fundamentalistisch aus wie heut, wo sie doch längst stellvertretende Leiterin eines katholischen Internats geworden ist. Und Michael lächelt noch immer so unbekümmert, ist aber schon zum zweiten Mal geschieden.
Nun, und aus den alten Geschichten folgen die Erzählungen und Berichte aus dem heutigen Leben, den Karrieren, BAT II links, Altbauwohnung in Charlottenburg, die alte immer noch, aus den Zeiten der Wohngemeinschaft, und die Datsche, nein kein Schrebergarten, am Ufer eines Sees in einem der fünf neuen Länder, überhaupt nicht mehr rustikal, alles mit natürlichen Baustoffen renoviert, und gegrillt wird am Wochenende auch nicht mehr. Gern einen Salat und einen eiskalten Pinot Grigio, der Kühlschrank läuft mit Solarenergie.
So wie früher wird nicht mehr diskutiert, im Garten unter dem Sonnenschirm, gelegentlich treten schon mentale Eintrübungen auf, wenn von Krankheiten und auch manch frühem Tod im Bekanntenkreis die Rede ist. Dann wird der philosophische Ansatz sarkastisch, es heißt dann schon mal „bis man anfängt, was zu begreifen, ist die Amtszeit abgelaufen“, und alle blicken verständnissinnig.
Und Beritt sagt tatsächlich, nicht, dass mein Mann mich ernähren müsste, nein, ich würd’ schon noch halbtags arbeiten, aber ein Haus am Meer müsste es schon sein, oder?
„Ja, ja“, nickt Karl, „das einzige, was ein alter Kater sich bewahrt, ist das Jaulen.“

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