Die Bar du Progrès
Bisweilen hat sie ja nicht unrecht, die Gabi, beispielsweise, wenn sie sagt, da sei doch Alkohol im Spiel gewesen, bei einer dieser Erlebnisse, und natürlich auch, daß der Teufel den Schnaps gemacht hat.
Aber Pastis ist ja bekanntlich keiner.
Außerdem ist es schon viele Jahre her, und, ja, die erworbene Ruine war zumindest bewohnbar gemacht worden, eine zu verschließende Haustür, Fenster auch, Wasser, Abwasser und Strom. Und Campingliegen, einen Tisch und zwei Stühle hatten wir auch schon.
Nach des Tages Staub und Mühen führte mich der Weg in eines der beiden Dorfbistros. Das Café du Centre ist katholisch, die Bar du Progrès nicht, und das hat bis vor einigen Jahren noch immer mal wieder zu bösen Keilereien zwischen den beiden Fraktionen geführt.
Nun, l'allemand wurde begrüßt, freundlich und neugierig, mit einem Pastis.
Bestimmte Verkehrsformen, das sollte man wissen, gelten in Kneipen des französischen Südens nicht. Wer nichts mehrtrinken will, jedenfalls nicht mehr eingeladen werden will, der kann nicht einfach "vielen Dank, ich möchte nicht mehr" sagen, der muß einfach stumm die gastliche Stätte verlassen.
Damals war mir das so nicht geläufig, und es gab, von wem auch immer, den einen oder anderen Pastis auszutrinken. Ich ahnte etwas von Initiationsritual oder Härtetest, als die neben mir am zinc sitzende Dame mich von der Seite aus rötlichgelb unterlaufenen Augen über ihr Weißweinglas musterte und mich mit schwerer Zunge, aber in verständlichem Englisch fragte, ob ich denn wohl german sei.
Ihr Mundgeruch war beachtlich. Höflich sagte ich dennoch "yes". Da wurde sie tückisch. Sie überschüttete mich mit einer Flut von Injurien, pöbelte, sagte was von "Schwein" und "Coventry" und redete sich immer mehr in Rage. Das hat mir überhaupt nicht gefallen, zumal die Umstehenden, die schon langsam ungeduldig wurden, kein Wort verstanden.
So habe ich dann meine Stimme erhoben und in meinem kühnsten Französisch gebrüllt, wenn sie mich schon beleidigen wolle, dann solle sie das doch bitte auf Französisch machen, damit die anderen Gäste denn auch was davon hätten.
Sie verstummte, glitt betreten vom Hocker, zahlte und schwankte aus dem bistro. Auch alle anderen Gäste verliessen alsbald die Kneipe.
Als ich dann auch zahlen und nach Hause gehen wollte, sagte der Wirt "non", schloss die Tür von innen ab und stellte eine bouteille besten Cognacs auf die Theke. Mach dir nichts draus, sagte er, trinken wir einen auf unser Dorf, trinken wir einen auf Europa. Es gibt eben überall Menschen, die der Welt abhanden gekommen sind, fügte er melancholisch hinzu. Am nächsten Tag habe ich erfahren, diese Engländerin wohne schon seit fünf Jahren im Dorf, eine ehemalige Mathematiklehrerin, mit einem pensionierten Air Force Offizier verheiratet. Durch Tropenaufenthalte beide verhältnismäßig trinkfest, aber schon von gewöhnungsbedürftiger Art.
Auch dass die lady sofort ihre kleine Strafe bekommen habe für die Pöbeleien, hörte ich.
Vor ihrem Haus war sie am Abend dann lang hingeschlagen. Mit der Nase mitten auf den Haustürabsatz. Sah schlimmer aus, als es war.
Und am Mittag nahm mich der Maurer beiseite, fragte mich, wieso ich denn teuer Geld für Pastis im bistro ausgäbe, drückte mir ein Platikbeutelchen mit gelblichem Puder in die Hand und verriet mir das Rezept zum Selbermachen.
Manchmal nehmen wir "un demi" zusammen, auf die deutsch-französische Freundschaft.
Er sagt dann immer gern, "na, du alter Spanier mit deinem arabischem Akzent, ca roule?", und haut mir auf die Schulter.
>> Gesamtübersicht