Durchblick
Mein Freund Günter hat sich noch nicht entscheiden können, auch zu der Clique im Dorf zu stoßen, schließlich hat er Weib und eine schulpflichtige Tochter, so sagt er, und damit Verantwortung. Aber hin und wieder bleibt er mit der Familie in den schönsten Wochen des Jahres, legt hier und da Hand mit an, erfreut sich am ehrlichen Merlot der Gegend, läßt die Seele baumeln und baut seine Militanz aus.
Günter nämlich versteht sich als gesamtgesellschaftlicher Verkehrsteilnehmer, vornehmlich als Radfahrer, Fußgänger, auch als Benutzer der öffentlichen Verkehrsmittel und - nicht zuletzt - als privater Kraftfahrer.
Nun nimmt der Mensch im Süden Frankreichs und nicht nur dort das mit den Segnungen des deutschen Zebrastreifens nicht ganz so ernst, und deswegen hat Freund Günter immer seinen Knotenstock dabei. Den hat er sich mal aus einem Ast gemacht, sauber geschliffen und lackiert und mit dem Griff einer Autoschaltung versehen.
Und er kennt seine Rechte, als Fußgänger, als Radfahrer und als Automobilist. Im Gegensatz zu zum Beispiel Branden- oder Mecklenburg muß man in Südfrankreich kein besonders mutiger Mensch sein, wenn man sich mit dem Bicyclette bewegt: Radsport genießt dort hohes Ansehen, selbst Rowdies weichen den Überlandradlern beim Überholen respektvoll und weiträumig aus. Den Fußgängern hingegen nicht so sehr. Was soll man denn auch von Individuen halten, die dreist bei ROT über die Kreuzung marschieren? Kurzum, Günter hatte einen kleinen Trouble mit einem Autofahrer, zugegeben einem aus Paris.
Er wollte in der Kreisstadt zur Post, an der Esplanade, und da gibt es wahrhaftig einen Zebrastreifen, einen Übergang für Fußgänger, den hat er auch benutzt, samt Knotenstock, als besagter Parisien mit seinem XM angebrettert kam. Da kennt Günter nix. Er geht ruhig aber achtsam weiter. Der Typ im Auto tritt auf die Klötze, öffnet das Fenster und fragt: Monsieur, haben Sie mich denn nicht gesehen?
Günter drauf: Doch, Monsieur, ich bin zwar Ausländer, aber nicht völlig bescheuert. Ich war doch auf dem Zebrastreifen! Und dabei hebt er, nicht unbedrohlich, seinen Knotenstock.
Der Franzose schließt sein Fenster, legt den Rückwärtsgang ein, hält vorm Zebrastreifen, macht eine freundliche Handbewegung und lässt Günter ‘rübergehen, ruhig und gelassen, lächelt und fährt weiter.
Tja, sagt Günter, in Hamburg ist mir sowas ganz anders passiert. Ich war mit Frau und Tochter unterwegs, da kommt, als wir die Straße überqueren wollen (Zebrastreifen!) so ein Sackfärber im Mercedes angerauscht, guckt überhaupt nicht, hätte uns fast umgenietet, da habe ich ihm mit dem Stock eins aufs Heckfenster geben. Das hat den überhaupt nicht gestört. Der ist weitergefahren! Ich schaue ihm noch hinterher, da rieselt dem doch - ganz plötzlich - die komplette Heckscheibe, Sicherheitsglas, raus. Der hat das gar nicht bemerkt, aber dann hat er angehalten.
Aber ganz schnell sind wir in einem Café verschwunden, ich aufm Klo, man weiß ja nicht, oder?
Und wenn er mit seinem tadellosen selbstgeschraubten teuren Rennrad unterwegs ist, dann hat Günter immer ein dünnes Lederband um den Hals, daran hängt so ein klassischer Korkenzieher, einer mit Holzgriff. Es stehen viel zu viele Kraftfahrzeuge auf den Radwegen, sagt er, und ganz viele wollen mich immer zu dicht überholen.
Schließlich muss man als Mensch doch Zeichen setzen, nicht wahr.
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