Fasten, fühlen, verstehen
"Wer fastet, erlebt märchenhafte Dinge", dessen war sich die internationale Esoterikerfraktion des départements bewußt und sicher, und so kam es nur gelegen, daß im Anzeigenteil einer großen deutschen Wochenzeitschrift unter "Gemeinsames Erleben" ein Wochenseminar mit dem Titel "Fasten, Fühlen, Verstehen" angeboten wurde.
Natürlich wurde dieses Angebot sehr ausführlich und einfühlsam diskutiert, und letztlich wurde Peter gefragt, wie es denn so sei, ob er nicht an dem Seminar teilnehmen wolle. Schließlich müsse er ohnehin nach Deutschland, da könne er doch... und überhaupt, eine kleine Gewichtsreduktion täte ihm sicher gut.
Außerdem seien Männer seines Alters sowieso tendenziell emotional gestört, er solle das mal mitmachen und berichten. Die Kosten, stolze 1200,- DM, würden ihm dann schon ertattet werden.
Nach langem wenn und aber und hin und her ließ Peter sich überreden. Er mußte zunächst nach Köln, Wuppertal, Frankfurt und später nach Berlin fahren, da lag das Sauerland irgendwie schon auf seiner Route.
Ja, in einem Hotel an einer Talsperre im Sauerland sollte das Seminar Anfang November stattfinden, und so meldete er sich als Teilnehmer an.
"Du siehst ja blendend aus!" jauchzte Monique, als Peter Ende November wieder im Dorf auftauchte, "ausgezeichnet! Und soo schlank!" Da hätte sie schon Recht, und das Rauchen hätte er auch aufgegeben, schmunzelte er geschmeichelt, blinzelte und fügte trocken aber bedeutungsvoll hinzu "tja, fasten, fühlen und verstehen..."
An einem der nächsten Abende, am Swimmingpool im Garten von Marie und Michel nun wollten alle ganz es genau wissen. Wie war das denn nun? Erzähl doch mal!
Wo soll man anfangen, wo soll man aufhören? Ein derartig komplexes Thema wie "fasten, fühlen und verstehen" erfordert Sammlung, über die Erfahrungen zu berichten noch mehr und Konzentration dazu. Peter versuchte, sich kurz zu fassen.
Die Anfahrt allein war zauberhaft, Mischwald, kleine Straßen, Spätherbstsonne, das Sauerland kann sehr schön sein, und es dauerte seine Zeit, bis er den Ort, und nocheinmal eine Weile, ehe er das Hotel gefunden hatte.
Gegen 15 Uhr sollte das Seminar beginnen, um 12.30 war er eingetroffen und nahm, eingedenk der Dinge, die zu erwarten standen, eine vorerst letzte schmackhafte Mahlzeit, vegetarisch, in dem zum idyllisch über einem See liegenden Hotel gehörenden Restaurant ein.
Ein kleiner Spaziergang durch den herbstlichen Wald und danach, wie vorgesehen, an die Hotelrezeption. Eine gewinnend lächelnde Dame, doch Endvierzigerin, begrüßte ihn empathisch, sagt Peter. "Sie müssen der Peter sein, nicht wahr? Sie sind der erste! Willkommen, willkommen! Und indem Sie ihm freundlich und zugewandt die Hand reichte, fügte sie hinzu:"So blind dates sind ja doch voller Überraschungen!"
Irritiert, so Peter, sozusagen befremdet, habe er gemeint, dies sei ja wohl kein blind date, sondern er sei zum Fasten gekommen. Zum Fühlen und Verstehen auch, freilich, aber..."
Nun, ihm wurde ein Doppelzimmer mit Waldblick zugewiesen, zum Preis eines Einzelzimmers, versteht sich, man würde sich, wenn ale Teilnehmer eingetroffen seien, dann um 18 Uhr in der Lounge treffen.
Lounge, tja. Dieses Hotel, erzählt Peter, das war so altdeutsch, irgendwie muffig, Stilrichtung gelsenkirchner Barock, schwere Eichenpolstermöbel und Kupferlampen, durchwabert vom Geruch nach Bohnerwachs und Latschenkiefernextrakt. Beklemmend an Reformpädagogik , gesunde Lebensführung und vernünftiges Schuhwerk gemahnend. Und die anderen Teilnehmer trafen nacheinander ein, einer mit einem kleinen Hund, der der Dame, die ihn streicheln wollte, erstmal spontan in die Hand kniff. "Naja, wenn Sie irgendwohin kommen, wollen Sie doch auch nicht, daß man Sie gleich anfaßt, oder?" , brachte der Halter trocken als Erklärung raus.
Jeder sollte sich nun kurz vorstellen, das war interessant, acht Menschen, vier Frauen, vier Männer, Seminarleitung, Hoteliersehepaar und ein Arzt.
Nun, sagt Peter, dann haben wir eben eine knappe Woche gefastet. Es gab nur Tee und Molke. Alkohol und Tabak waren absolut tabu. Zuallererst gab's jedoch ein abführendes Getränk, zur Darmreinigung, wurde erklärt, mon dieu. Und begleitende Diskussionsrunden, Thema "Männer und Frauen", ach, déjà lu, déjà entendu, déjà vu, aber de bon volonté, sagt er, das schon.
Und Yoga-Übungen am Vormittag, ausgezeichnet, mit meditativen Facetten.
Und, keinesfalls zu vergessen, nach der mittäglichen Molke den 'entgiftenden Leberwickel'. Da mußte man sich ins Bett legen, eine heiße Wärmflasche auf die Leber legen, und dann kam die Seminarleiterin, streute ein Salz auf den Bauch, legte ein warmes Handdtuch darüber und darauf wieder die Wärmflasche.
Das war schon entspannend.
Zuvor hatte der begleitende Arzt sehr bedeutungsvoll jedem Puls und Blutdruck gemessen und sich interessiert die individuellen Krankengeschichten angehört, das darf nicht vergessen werden.
Auch nicht, daß die Seminarleiterin, sie hatte sich inzwischen als Medizinjournalistin geoutet, verhalten und zart, die Leberwickelutensilien dabei, an Peters Tür geklopft hatte , auf sein "bitte", in klimaktorisch-dynamischer Verve in sein Doppelzimmer getreten war und kokett : Bist du willig und bereit? gefragt hatte.
Er habe, sagt Peter glaubhaft, sich nachhaltig an den Talmud erinnert gefühlt, aber auch zum Beten sei ihm schon überhaupt nicht zumute gewesen, und seine spröde Antwort sei "weder-noch" gewesen, als er die Bettdecke zurückschlug und ihr seinen haarigen Bauch für den Leberwickel präsentierte.
Nach drei Tagen des Fastens wurden die Teilnehmer -natürlich freiwillig - zur Blutabnahme und -analyse gebeten.
Ein bemerkenswerter Vorgang war das, lächelt Freund Peter, unvergeßlich nachgerade.
Es ging nacheinander, im Abstand von einer Viertelstunde, in die Naturheilpraxis oder besser Praxis für Naturheilkunde einige Häuser entfernt. Dort wurde einem aus dem Ohrläppchen Blut entnommen, dieses Blut wurde sofort elektronenmikroskopisch untersucht und es wurden per Computer Fotos des Blutes und ein Analyseprotokoll angefertigt.
Alle, ausnahmslos alle Teilnehmer des Kurses waren nach ihren Analyseergebnissen sehr blaß um die Nase zurück ins Hotel geschlichen.
Verhalten und gefaßt teilte man sich gegenseitig mit, daß es mit der Lebenserwartung wohl nicht mehr so weit hin sei, grinste unser Berichterstatter. Allenthalben floß das Blut zu schwer, waren irgendwelche Schadstoffe darin erkennbar geworden und auch parasitärer Befall, grauenhaft.
Das war aber noch lange nicht alles!
Diese Befunde wurden per fax von der Assistentin an einen Fernheiler im Niederbayrischen geschickt. Der nun analysierte erneut , stellte über Nacht seine Therapievorschläge zusammen und faxte zum nächsten Tag alles zurück.
Das war der nächste Schock. Der Fernheiler hatte auf einer vorgegebenen Skizze jeweils die Körperteile markiert, die nach seiner Überzeugung von Gebrechen heimgesucht wären.
Ein Körnchen Wahrheit war für jeden dabei, ob nun Kniee, Schultern, Füße oder der Magen angeblich angegriffen waren. Wir nannten diese Befunde unser "Bluthoroskop".
Na, und die homäopathische Verordnung war gleich beigefügt worden. Ich, sagte Peter nachdenklich, ich soll jede Woche kleinste Dosen von Arsen und auch Ameisensäure zu mir nehmen. Ich möchte aber lieber nicht. Wenn ich ans Meer fahre und in der Sonne sitze , erhole ich mich besser, glaube ich, fügte er hinzu.
Er raucht jetzt wieder, ernährt sich mediterran-bewußt, und dem Rotspon hat er auch nicht völlig abgeschworen.
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