un amour fou
Es hatte lange gedauert, ehe Julien sich wieder erholt hatte, und es sollte fast nocheinmal so lange dauern, bis er seelisch in der Lage und bereit war, uns entspannt zu schildern, was eigentlich geschehen war.
Es war plötzlich im letzten Sommer, aus heiterem Himmel sozusagen, wie ein coup de foudre über ihn gekommen. er hatte sich Knall auf Fall, über beide Ohren verliebt. Auf eine derartige Weise offenbar, daß ihm zunächst kaum jemand von uns glauben wollte, doch die feinen Schweißperlen auf seiner Oberlippe und das nervöse Genestel seiner Finger beim stockenden Erzählen zerstreuten bald unsere Zweifel.
Julien hatte es sich, wie er es häufig tut an warmen Vormittagen, in Uzès an der Esplanade mit dem Rücken an die Wand und dem Gesicht der Sonne zugewandt bei einem grand crème vor dem Café bequem gemacht. Wie man das halt so macht, Seele baumeln lassen, n'bißchen Zeitung lesen und - vor allem - das Leben und die Leute beobachten.
Da kam sie.
Ganz in schwarz, mit dunkler Sonnenbrille, setzte sich sich an den Nebentisch und bestellte einen petit noir. Julien sagte, sie hätte ihn angelächelt, doch wer ihn kennt weiß, es wird umgekehrt gewesen sein.
Und sie kamen ins Plaudern, über Gott und die Welt, insbesondere in Südfrankreich, es war früher Sommer und sie eine Journalistin aus Hamburg.
Und, pourqoi pas, einen pastis, einen kleinen Salat bei Julien zu sich nehmen, einen kühlen rosé im Schatten auf seiner Terrasse, sie wollte ohnehin Eindrücke sammeln und ihr Französisch vervollkommnen, verstand Julien gut, und sie verbrachten angenehm den Nachmittag gemeinsam.
Auf ihre Frage, was möchtest du jetzt am liebsten?, war er nur sehr theoretisch gefaßt, doch nach kurzer Überlegung habe er entschlossen erwidert: Ans Meer. Mit dir ans Meer fahren, direkt ans Wasser! Sie faßte ihn um die Schultern, drückte ihm einen feuchten Kuß auf die Nase, führte in zu ihrem kleinen Talbot-Cabrio, setzte sich ihre dunkle Sonnenbrille wieder auf und fuhr beherzt mit ihm neben sich los.
Zügig ging es Richtung Nîmes, über den pont St. Nicolas, nach Poulx, über Marguerittes durch die kleine Camargue nach Le Grau du Roi, an einen Strand bei l'espiquette, über Stock und Stein, unmittelbar am Wasser brachte sie den Wagen zum Stehen. Sie machten einen langen Spaziergang vor dem unverschämten Licht der langsam untergehenden Sonne, und sie waren beide so sehr verliebt, sagt Julien.
Es wird wohl schon gegen neun Uhr abends gewesen sein, erzählt er weiter, als sie sich zum Essen vor dieses kleine freundliche Restaurant fast am Strand von le Grau setzten. Schräg gegenüber der uralten, fast verfallenen Jugendstilvilla.
"Ich war", seufzte Julian und fuhr sich über's Haar, "ich war sowas von verknallt, ich konnte es gar nicht fassen."
Dann ist mir ja sowas Unangenehmes passiert, fährt er fort, ich hatte kaum einen Bissen im Mund, da mußte ich mich ganz schlimm übergeben, unaufhaltsam, direkt auf den Tisch, mon dieu. Entsetzlich , nicht wahr?
Aber offenbar pas de problème. Es ging alles ganz schnell. Die patronne kam an den Tisch, faßte mit einer Hand das Tischtuch mit allen Speisen und Getränken zusammen, nahm mich bei der anderen Hand und zog mich in die Küche. "Du bist verliebt, mon petit", hat sie mich angelächelt, "verliebt comme un fou" und mir mit einem feuchten Handtuch das Gesicht gewischt, "das kenne ich sehr gut!" Dann mußte ich ein weißes Hemd vom patron anziehen, mir die Hände waschen und zurück an unseren Tisch.
Mir war ja nicht übel, nein, la patronne hatte völlig Recht! Der Tisch war längst wieder hergerichtet, Wasser, Wein und Gerichte bestens arrangiert und wir haben ausgezeichnet und in aller Ruhe gegessen.
Ja, und sie wollten keinen sou von uns, wollten keine Rechnung bringen.
Patronne und Patron haben uns mit einem wehmütgen Lächeln verabschiedet.
"C'est l'amour" hat sie wohl zu ihm gesagt und ihn ein wenig am Ohr gezogen, "c'est l'amour".
Michael hatte sein Kinn nachdenklich zwischen Daumen und Zeigefinger genommen. "Vieles, was das Leben menschlich, frei und reizvoll machen kann, haben wir von den Franzosen gelernt. Aber auf ihre Küche sind sie besonders stolz!" griente er und nickte leicht mit dem Kopf.
Julien und seine deutsche Journalistin haben den ganzen gemeinsamen langen Sommer an der Küste verbracht, im Oktober erst ist sie wieder nach Hamburg gefahren. Im kommenden Frühjahr sollte er sie von dort abholen.
Nach Hamburg ist er dann auch gefahren, mit dem TGV bis Paris und dann weiter.
Sie wohnt in einem dieser schicken Häuser in Winterhude, meinte Julien, hat eine Wohnung mit Balkon im zweiten Stock.
Auf sein Klingeln ertönte der Türöffner, erzählt er weiter, er nahm die Stufen nach oben, da erblickte er auf dem Treppenabsatz einen hochgewachsenen blonden Mann, der die Arme in die Hüften gestemmt hatte und ihn prüfend musterte. Hinter ihm lugte seine Journalisten-Brigitte aus der halbgeöffneten Wohnungstür, glänzender Augen ohne Sonnenbrille und mit derangierter Frisur.
An dieser Stelle seiner Erzählung benahm sich Julien zunehmend nervöser. Er fuhr sich durchs Haar, knackte mit den Fingerknöcheln und schüttele leicht den Kopf.
"Hier", flüsterte er , "in dieser Situation ergaben sich für mich zwei ernsthafte Probleme. Ein grammatikalisches und ein , nun, ein emotionales."
Die Freunde am Tisch blickten irriiert.
"Naja", seufzte Julien, "faire l'amour" ist ja unübersetzbar, aber wie hätte ich es denn korrekt konstruieren müssen? Mit 'à' oder mit 'avec'?
Und da wir Julien als einen Mann mit Geschmack und von guten Manieren kennen, hat er in Hamburg-Winterhude seinem Bericht zufolge nur die Schultern nach oben, seine Mundwinkel nach unten gezogen, die Handflächen nach außen gedreht, sich abgewandt und ist schweigend von dannen gezogen.
Und jetzt, nachdem der Frühling seines Mißvergnügens vorbei ist, schmiedet er neue Pläne.
Zwar ist l'amour männlich im Französischen, sagt er lächelnd, im Plural aber weiblich, ebenso wie délice: Les premières amours.
Eine caprice unserer Sprache.
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