Fremde in Südfrankreich/ Überlebensmittel
Marius behauptet gern, eigentlich Nachfahre einer alten hugenottischen Seidenweberfamilie aus Lyon zu sein, und wer ihn so ansieht, dunkler Typ, leicht olivfarbener Teint, eher kleinwüchsig, die Leute könnten’s glauben.
Seine französischen Sprachkenntnisse allerdings sind über die Generationen wohl abhanden gekommen, er spricht eine erstaunliche Mischung aus Katalanisch, Spanisch und wohl auch Französisch, kann sich aber fast stets hervorragend verständlich machen, besonders, da er an den passenden Gesprächsstellen bedeutungsvoll „tant pis“ oder „tant mieux“, ein langgezogenes „mais si“ und auch mal „par dieu“ einflicht.
Nein, Marius stammt aus Hannover und ist schon hier gewesen, als es noch kein fließendes Wasser, geschweige denn Kanalisation gab.
Sein einziges Problem, sagt er, sind die Dorfbewohner in ihrer Verstocktheit: sie weigern sich, Deutsch zu lernen (was übrigens so gar nicht stimmt, der Bistrowirt grinst schon bisweilen „ja, geeerne“, wenn Marius einen „grand crème, aber très chaud“ bestellt).
Er erhält zwar von irgendwoher eine monatliche Zuwendung, vielleicht auch eine Rente, aber das reicht weder hinten noch vorn. Viel, behauptet er glaubhaft, viel brauche er ja nicht zum Leben, zwei Paar Jeans, einige T-shirts und eine Militärjacke und einen warmen Pullover und manchmal auch seine Mütze aus schwarzem Leder, so B. Brecht nachempfunden, und natürlich die spanischen Stiefel.
So arbeitet er da und dort auf dem Bau mit, hat inzwischen ein ausgeprägtes Stilempfinden für die Restaurierung alter Häuser entwickelt und steht gern mit Rat und Tat zur Verfügung, fünfzig Francs die Stunde. Auch beim Spargelstechen sieht man ihn hin und wieder, aber der Rücken bereitet ihm zunehmend Probleme. Nun, Marius hat damals für wirklich sehr wenig Geld einen alten Schafstall mit Nebenremisen und über 3000 qm Land erworben. Aus dieser Liegenschaft hat er Schritt für Schritt ein Schmuckstückchen werden lassen. Er hat den Brunnen wieder benutzbar gemacht, die Wände neu verfugt und verputzt, das Dach ausgebessert und einen Garten angelegt für Tomaten, Auberginen, Zucchini, Zwiebeln, Knoblauch und was man so braucht an Kräutern. Was nicht in dem Garten wächst, das holt er sich aus der Garrigue, Thymian, Lorbeer, Lavendel ... Seit Martine mit und bei ihm wohnt, gibt es auch die herrlichste Blumenpracht am Haus.
Die beiden haben auf ihre Art einen Lebensstil gefunden, mit dem mancher Bewohner der großen Städte schon lange liebäugelt, sie trinken (fast) nur Wasser, backen ihr Brot selbst, verzehren kaum Fleisch und sie stehen (jedenfalls im Sommer) sehr früh auf.
Nun lebt der Mensch nicht vom Brot und der Liebe allein, dann und wann soll schon mal etwas Butter bei die Fische wie man so sagt, und da ist es schon besser, wenn man nicht nur bescheiden und mutig ist, sondern auch erfindungsreich. Und das sind die beiden, bei Gott.
Martine geht ebensowenig gern geregelter Tätigkeit nach wie Marius (sie kommt aus Korsika), und so haben sie einen Weg gefunden, das Nützliche mit dem Angenehmen und überdies mit Bareinkünften zu verbinden.
Beide sind im Dorfe wohlgelitten und genießen, wenngleich mit Exotenbonus, durchaus Vertrauen. So lag es denn nahe, den zahlreichen Besitzern von Sommerhäusern in der Gegend, sehr seriös und zunächst auf Probe ihre Dienste anzubieten: Instandhaltung, d.h. Säubern und Putzen der Häuser bei Abwesenheit der Inhaber, leichtes Anheizen (Frühjahr und Herbst), Strom anstellen und Staubwischen vor der Ankunft der Leute, Einweisung eventueller Mietgäste, Endreinigung und, vor allem, Entsorgung der Reste an Speisen und Getränken einschließlich penibler Reinigung der Kühlschränke.
Zwar ist Marius stehende Redewendung „Die Hauptsache ist, man hat, was man braucht!“, aber jetzt, wo sie mit ihrem „Unternehmen“ reüssiert haben, zur vollen Zufriedenheit der Klienten tätig sind, da mussten sie doch begreifen lernen, dass mit steigenden Aufgaben die Ausgaben steigen. Sie mussten ein Telefon haben, sich ans Stromnetz anschließen lassen und Marius hat tief ins Mauerwerk des Schafstalls einen Tresor versenkt, in dem er die Schlüssel ihrer „Kunden“ aufbewahrt.
Neuerdings wird gemunkelt, sie hätten jetzt auch sowas ganz Modernes, eine kombinierte Faxmaschine mit Anrufbeantworter. So ein-, zweimal an den Spätsommerabenden, wenn es morgens zwar sehr herbstlich ist, aber die Nachmittage und Abende noch die ganze Glut und die Farben des Südens hier haben, dann laden die zwei gern mal ein paar Freunde ein, zu einem zwanglosen, aber äußerst exquisiten Zusammensein unterm Feigenbaum neben den Rosen.
Dann gibt’s Salat mit erstgepresstem Olivenöl und Himbeer-, Balsamico-, Estragon- und Weinessig, ausgezeichnetem Käse (in kleineren Mengen, aber überaus vielfältig), zum Apéritif schon mal einen anständigen Pastis (es wird immer nur der von einer Marke zusammengekippt!) und es ist auch schon eine Flasche trockensten Champagners auf den Tisch gekommen. Fisch sowieso, kalter Braten und gesalzene Butter ebenso wie Anchovis, Erdnüsse, Pistazien und allerlei Obst und Gemüse.
Wenn die Leute nach Hause fahren, sagt Martine, dann können die ja nicht immer diese Lebensmittel ins Auto packen oder etwa im Flugzeug mitnehmen. Diese Sorgen nehmen wir ihnen ab. Und stolz zeigt sie auf ihre niegelnagelneue Gefrierkombination.
Beide sind jetzt so in mittleren Jahren, duften nach Seife, etwas angegraut, mit fröhlichen Augen, gesund und stattlich, durchaus stattlich geworden.
Wenn es irgendwelche Probleme gibt bei den Zweithausbesitzern, dann hört man oft: Ruf doch Martine und Marius an. Ach ja, sie haben jetzt auch Kaninchen und einen Hund. Die fünf schwarzen Katzen außerdem. Man muss ja nicht, lächeln beide, man muss ja nicht immer gleich alles wegschmeißen.
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