Über alle Grenzen unbeliebt
Ereignisse gibt es, die vergißt man sein ganzes Leben lang nicht, Dinge, die nur schwer zu begreifen und zu verarbeiten sind.
Fabienne hatte mal wieder die Freunde in Berlin besucht, Hauptstadtaufbruchsluft schnuppern und hatte zu dieser Reise den Europabus von Paris über Brüssel nach Berlin und zurück gebucht.
Werner begleitete sie auf der Rückfahrt.
Sie hatten umfangreiches Gepäck dabei, denn Jörg hatte inständig gebeten, ihm doch mindestens fünf Kilo Biokartoffeln und, das besonders, von ALDI einige Gläser "Grünkohl, stramm gepackt" mitzubringen.
Die Wünsche der Menschen sind schon erstaunlich, aber wenn jemand an seinen Ritualen hängt und man ihm eine Freude machen kann...
Die Reise mit dem Europabus ist nicht nur recht preiswert, sondern auch ein Erlebnis. Alle zwei Stunden wird für eine kleine Pause angehalten, richtig schlafen kann sowieso niemand, und im Bus herrscht hochkommunikative multikulturelle Stimmung.
Bis an die Grenze zu Belgien jedenfalls.
Anhalten, aussteigen, Passkontrolle. Das längst überwunden geglaubte, aber immer wieder gern praktizierte Gesellschaftsspiel.
Ein Kontrolleur tat sich als ganz besonders sorgfältig hervor. Zielgerichtet untersuchte er die Personaldokumente der drei dunkelhäutigeren Passagiere, schwenkte dann triumphierend deren Pässe und wies, stumm und entschieden wie ein Schiedsrichter beim Fußball, mit lang ausgestrecktem Arm zurück nach Deutschland.
Ach, ihre Pässe waren just nur noch bis zu diesem Tage gültig.
Kein Zureden, keine Diskussion, kein Argument, kein Hinweis auf das vereinte Europa, nichts konnte diesen verstockten Menschen überzeugen, die drei ihrer Wege ziehen zu lassen, keine Drohung mit Vorgesetzten oder Beschwerden, gar nichts. Halsstarrig und unerbittlich.
Der Bus hatte über drei Stunden Zwangsaufenthalt an der deutsch-belgischen Grenze.
Fassungslos standen die Fahrgäste in der Sonne des frühen Morgens, als Werner, die ganze Zeit erstaunlich schweigsam und konzentriert, unendlich müde und graugesichtig auf den Zöllner zuging, vor ihm stehen blieb, ihm fest in die Augen sah und sehr vernehmlich, weil die anderen ihn stumm beobachteten,
zu dem Manne sagte:"Bonjour, Monsieur! Wir kennen uns doch. Wie geht es Ihnen denn?"
Der Uniformierte erbleichte, behielt jedoch eisern seine Haltung. "Wie bitte? Ich kenne Sie nicht. Behindern Sie bitte nicht meine Amtshandlungen, mein Herr!"
Werner wandte sich ab, legte die flache Hand auf die Stirn und setzte sich erschöpft auf die Rasenbegrenzung.
Fabienne war geschwindt bei ihm fragte bekümmert, ob sie etwas für ihn tun könne.
Er schüttelte nur den Kopf, verneinend und zugleich ungläubig. Fassungslos.
Die beiden haben die ganze Geschichte dann erzählt. Die drei Mitfahrer mußten tatsächlich zurück, und dieser Zöllner, der war es, der Werner noch 1988 am Kontrollpunkt Dreilinden zwischen Berlin und der DDR bis zum Weißbluten kujoniert hatte.
Er war mit seinem alten VW-Käfer, eine Zigarette im Mundwinkel, bis an die Kontrolle gefahren. Der Zöllner, Kontrollorgan der DDR, hatte stumm die Hand nach seinem Ausweis und den Fahrzeugpapieren ausgestreckt und ihn weiterhin wortlos und fischäugig fixiert.
"Ist irgendwas?" will Werner ihn gefragt haben. Dann hatte er die Zigarette aus dem Mund zwischen die Finger genommen. "Sehen Sie", war die Bemerkung des Kontrolleurs gewesen, "es geht doch!"
"Was geht?" "Ich rauche hier bei der Kontrolle ja auch nicht!", war die Antwort, "steigen Sie mal aus!"
Werner war ausgestiegen, hatte seine Kippe fallengelassen und sie ausgetreten.
Der Zöllner hingegen die Papiere sorgfältig in eine Plastikhülle gesteckt und ihm mit ausgestrecktem Arm und in einem Ton, der keinen Widerspruch duldete
einen Besen gezeigt.
"Sie beseitigen zunächst die Verunreinigungen, dann werden wir weiter sehen!"
Werner besteht darauf, daß er mindestens 100 Quadratmeter der Betonfläche am Kontrollpunkt hat fegen auf aufkehren müssen,wenn nicht mehr, zwei geschlagene Stunden lang.
"Menschen, die man nie vergißt", murmelte er, zündete sich eine Gauloise an und fügte hinzu "wie klein, wie entsetzlich klein diese Welt doch ist!".
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