Haus und Hof
Unter der Rubrik ‘Verschiedenes’ im Reiseteil einer deutschen Wochenzeitschrift, die natürlich auch in Südfrankreich immer mal gern gelesen wird, hatten sie annonciert, dass sie für sich wie für ihre Feriengäste mit viel Erfolg in der westlichen Provence ein Anwesen betrieben, das wegen seiner Schönheit gefällt, und dass sie zu ihrer Verstärkung dauernd/zeitweise einen Zeitgenossen suchten, der Spaß haben müßte an einem ungewöhnlichen Lebensstandort und an ihnen.
Dorothee meinte denn auch zu Michael, das sei vielleicht eine dieser ganz raren Gelegenheiten, die es nur einmal im Leben gibt, sie sollten doch mal schreiben und um Details bitten. Möglicherweise könne man ja seine materielle Lage auf angenehme Art ein wenig verbessern, man weiß ja nie.
Über eine kurze Zeit kam auch eine Antwort, und es stellte sich heraus, dass dieses Anwesen ca. 100 Kilometer vom Dorf, fast schon in den Cevennen lag.
Zusammentelefoniert hatte man sich schnell, und die beiden Inhaber hatten auch bald eine Einladung zum Mittagessen zwecks näherem Kennenlernen ausgesprochen.
Nun sind die Fahrten über Nationalstraßen in dieser Gegend Südfrankreichs fast immer entspannend und die Landschaften von derartigem Reiz, dass man sich getrost Zeit und Muße nimmt, das alles zu genießen.
Auf der Höhe angekommen, bot sich den beiden Einkommenssuchern ein in jeder Hinsicht phantastischer Anblick: Ein weitläufig angelegtes Gebäude, hervorragend restauriert, neue und alte Nebengebäude, Garten, Swimmingpool und das Ganze so gelegen, dass man in alle Himmelsrichtungen atemberaubende Ausblicke genießen und die Seele fliegen lassen konnte.
Und die Inneneinrichtung erst. Erlesene Antiquitäten allenthalben, stilistisch und architektonisch ohne Fehl und Tadel, sämtliche Ver- und Entsorgungssys­teme auf dem neuesten Stand der Technik. Neben dem großen Innenhof gab es noch mehrere kleine, weiterhin ein Dampfbad im nordafrikanischen Stil und einen Meditationsraum. Alles umfasste die Wohnung der Eigentümer und etwa ein Dutzend unterschiedlich geräumiger Gästeappartements.
Insgesamt halt alles so, wie man diese Anwesen in Südfrankreich aus dem Kino kennt, keine Facette zu viel, aber auch keine zu wenig. Und die deutschen Eigentümer nun. Zuerst war nur sie da, Typ Tochter aus gutem Hause, die auf Landlady macht, aber das alles ganz anders sich vorgestellt hatte, eher überarbeitete Blässe unter der provençalischen Farbe, Hausfrau, Mutter, Gastgeberin, Ehefrau und Verwalterin in einer Person, entsetzlich müde, aber nicht humorlos. Vorsichtiges Ein- und Abschätzen allerseits, eher verhalten, das Kleinkind braucht Kakao, die Bewerber sollten bewirtet werden, zwischendurch der Tisch gedeckt und aufgepasst, dass der Fisch, die Dorade im Ofen, nicht zerfällt.
Der Patron mit dem schulpflichtigen zwoten Kind war unterwegs, eben jenes abzuholen, traf jedoch bald ein.
Dorothee und Michael waren beherzt der Frau des Hauses bei ihren Verrichtungen zur Hand gegangen, der Tisch war einstweilen gedeckt, als nun der Chef auftrat.
Von massiger Gestalt, leicht teigige, wenngleich gebräunte Gesichtszüge, von ölig-professionellem Charme, zugewandt und mit den ins Rötlichgelbe changierenden Augen des überzeugten Pastistrinkers. Ein autodidaktischer Bonvivant, ehemals Inhaber einer florierenden Werbeagentur in Düsseldorf, jovial mit Kälte im Blick, der den beiden ungefragt mitteilte, er sei nun in dritter Ehe verheiratet, und, mit zotigem Lächeln, die Kinder seien von ihm.
Er schenkte den Aperitif großzügig aus, anbiedernd ein Auge zukneifend, und man begab sich zu Tisch. Die Dorade war köstlich, der grüne Salat auch, versehen mit einer Vinaigrette und einem Hauch Knoblauch. Zu Fisch und Salat bekam der Hausherr jeweils extra für ihn zubereitete Saucen, denn, so erläuterte seine Gattin, „Holger liebt es sämig“.
Die Konditionen zu ihrer „Verstärkung“ umfassten Kochen, Kinderversorgung, Säubern des Hauses, Empfang und Betreuung (auch per Telefon und Fax) der in- und ausländischen zahlenden Gäste, auch gruppenweise, Überwachung der Versorgungssysteme und das eine oder andere, was in einem solchen Anwesen noch so anfällt.
Einhundert DM pro Tag pro Person, bei freier Kost und Logis, auf Abruf einsatzfähig, mal ein Wochenende, mal zwei Wochen, je nachdem, ob die Inhaber nach Paris, Düsseldorf oder zum Ski fahren nach St. Moritz wollten. Ein Angebot, das Michael nachdenklich werden ließ.
Dorothee bat sich Bedenkzeit aus, das kam ihnen entgegen, hatten sie doch noch weitere Interessenten, und sie luden zum Gegenbesuch in einer Woche zu sich ins Haus ins Dorf.
„Wir sind“, sagte Dorothee auf der Rückfahrt bedachtsam, „nicht die richtigen Leute für diesen Job.“
Michael fuhr stumm den alten R4 und rechnete. Eine Woche im Monat vielleicht ... An- und Abfahrt ... man lernt interessante Leute kennen...Während der Woche bis zum Gegenbesuch hatten die beiden alle Argumente dafür und dagegen erwogen, mit Freunden diskutiert, und sie waren gemeinsam zu dem Schluss gekommen, es sei für sie entschieden attraktiver, ihr eigenes Leben zu führen und nicht (wieder für andere zu arbeiten,) nach all den Jahren Hausmeister und Frühstücksdirektor für reiche Deutsche zu sein.
Und als nach dem ausgezeichneten Boeuf bourgignon dann die Sprache aufs Thema kam, beim Café, waren alle erleichtert, dass man ohne Verpflichtungen auseinander gehen konnte. Die Landlady formulierte es so: „Ihr habt Euer eigenes Leben, ein ganz anderes als wir.“ Dorothee schien, als sei bei diesen Worten ihr ein leichter Schatten von Traurigkeit über die Augen geflogen.
Die Gäste mit dem Anwesen fuhren in einem weißen Mercedes zurück, sie alle haben sich nie wieder gesehen.
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