Die Haut
John ist Amerikaner, viel rumgekommen in der Welt, war Lehrer bei der army, auch in Deutschland, hat in New York gewohnt, kennt den Nahen und den Fernen Osten, Nordafrika, un vrai cosmopolite.
Vor langen Jahren ist er in Südfrankreich hängen geblieben, seine Frau war eine begeisterte Gärtnerin und wie er liebte sie von ganzem Herzen die Sonne, das Licht ,die Wärme und diese Menschen.
Leider ist sie inzwischen verstorben, und John, hart an siebzig, hat lange gebraucht, wieder auf die Füße zu kommen.
Seit dem Tod seiner Frau leidet er unter einer unklaren Hautkrankheit, Rötungen, Pickel und Juckreiz.
Er schätzt Kompetenz der französischen Medizin hoch und ist in der Dermatologie der Universität Montpellier in Behandlung. Die Ärzte dort können ihm auch nicht mehr sagen, als daß er sich häufig aber nicht zu lange in der Sonne aufhalten soll und verschreiben ihm die eine oder andere Cortisonsalbe.
"Hautärzte sind immer so oberflächlich", schmunzelt John, tönt sich die Haare dunkel nach, cremt sich ein und ist weiterhin ein charmanter und gern gesehener Gast.
An einem dieser Tage eröffnete er uns, er müsse auf Anraten seines Hautprofessors sich einige Leberflecke auf dem Rücken ambulant entfernen lassen, keine große Sache, meinte er, aber man will ja schließlich kein Risiko eingehen.
Zurück aus der Klinik wirkte John noch straffer, noch jugendlicher als ohnehin, setzte sich voller Dynamik an unseren Tisch unter dem Feigenbaum und berichtete, das sei alles überhaupt nicht schlimm gewesen. Man liegt bäuchlings auf dem OPtisch, bekommt örtliche Betäubungen und dann schneiden die einem Leberflecke raus. "Aber", fügte er nachdenklich hinzu, "ich fürchte, zwei- dreimal muß ich da wohl noch hin, alles auf einmal geht auch da nicht."
Monate später, wir hatten Johns wöchentliche Leberfleckoperationen schon fast vergessen, es ging im Gespräch wohl um Männer und Frauen und das schöne Leben, murmelte John irgendwas von Krankenschwestern, und daß sie nirgendwo auf der Welt so attraktiv und einfühlsam seien wie in Montpellier. Das nun fand nicht ungeteilte Zustimmung, doch John meinte schelmisch, er könne sein Leben lang an Leberflecken operiert werden, einfach nur so, gesund sei er ja.
Auf drängendes Nachfragen erzählte er dann die Geschichte ganz.
Auch er hat, was verständlich ist, es nicht so sehr gern, wenn ihm jemand am Rücken in der Haut rumschnippelt, das ist ihm trotz Betäubung eher unangenehm.
Und aus diesem Grunde hatte er, bäuchlings , fest die Finger beider Hände um den oberen Rand des Operationstisches geklammert und dazu bei der Prozedur ein wenig die Zähne zusammengebissen, um sich abzulenken.
Auch am Kopfende des Tisches, ihm ohne Augenkontakt zugewandt, assistierte die OP-Schwester, grünkittelig. "Ach", schwärmte der gute John, "mir wurde so warm und weich an den Fingern, ich brauchte mich überhaupt nicht mehr zu verkrampfen..."
Diese Schwester nämlich, atemberaubend attraktiv und überaus einfühlsam, war, räumte John durchaus freimütig dann ein, war ihrer Aufgabe höchst umsichtig und beweglich nachgekommen und in zart knisternder Seide unter ihrem Kittel an Johns dann auch sehr entspannten und beweglichen Fingern virtuos entlang gestrichen.
Er wäre, beschloß John seine Schilderung, so so gern noch eine gute Weile liegen bleiben mögen, aber diese kleinen Operationen sind ja schnell und fast ohne Schmerzen vorüber. Man verabredet sich mit glänzenden Augen gern, sehr gern auf die nächste Leberfleckoperation.
Und der Herr Professor war's auch zufrieden.
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