Wer heilt hat Recht
Wenn ich mich recht entsinne, hatte Annie ihn eingeladen, im Herbst doch mal vorbeizukommen, und er kam auch, ich glaube, aus der Gegend um Hannover, mit einem wunderbaren alten Mercedes 230 über einige Tge zu ihr zu Besuch ins Dorf.
Über kurz stellte sich heraus, daß Erhard Arzt ist, und daß er über mehrere Ecken auch den einen oder die andere aus dem Umfeld der Freunde kennt.
Schlank, nicht übermässig groß und frühzeitig fast kahlköpfig, schloß er sich mit ausgezeichneter Kondition gern unseren Wanderungen durch die garrigue und den Ausflügen an, und trug verschmitzt mit Anekdoten zu fast aller Erbauung bei.
Eine Geschichte davon ist hängen geblieben. Jeder erinnert sich gern daran, und mit jedem neuerlichen Erzählen erfährt sie weitere Ausschmückung.
Als junger Arzt hatte Erhard eine Stelle in einem mittelsüddeutschen Kurbad ergattern können. Für ein Jahr sollte er dort als Badearzt zuständig sein für die Untersuchungen und Betreuungen junger Frauen , die eine Kur zur Bewältigung unterschiedlicher Erscheinungsformen von Stress verordnet bekommen hatten. Das Alter der Damen lag zwischen 25 und 30 Jahren.
Nun, ein Arzt ist schließlich auch nur ein Mensch, und Ehrhard konnte den Anfechtungen des Lebens weitestgehend widerstehen, der Versuchung nur seltener.
Ihr müßt euch vorstellen, die meisten dieser jungen Frauen machten sich bereits den Oberkörper frei, ohne daß ich irgendetwas gesagt hätte, erinnerte er sich gespielt vorwurfsvoll. Ich hatte sie überhaupt nicht darum gebeten! Erhard hatte viel, sehr viel zu tun, und seine Abende waren auch sonntags nicht frei.
Das Adreßbüchlein des Badearztes Erhard wurde ständig ergänzt.
Eines Tages besuchte ihn sein alter Schulfreund Johannes, seines Zeichens promovierter Germanist und Historiker. Erhard ernannte ihn nach schneller Einweisung flugs zum Assistenzkollegen, verpasste ihm einen weißen Kittel und die beiden betreuten von Stund an das Patientinnenaufkommen arbeitsteilig und kooperativ in den vorhandenen Praxisräumen. Erhard hatte Sichtschirme aufstellen lassen, aus Gründen der Diskretion. Freund Johannes seinerseits deklarierte seinen Aufenthalt kurzerhand als Forschungssemester, und nach Jahresfrist fuhr jeder auf seine Weise und gut abgestimmt mit dem Notizbuch in der Hand lange Zeit durch die Republik.
Für Kost und Logis sind angeblich kaum Ausgaben entstanden.
In jenen Tagen pflegte Erhard einen uralten dunkelbraunen Lederblouson zu tragen, und er schwört bis heute Stein und Bein, dieses gute Stück habe magische Kräfte und ihm zu Glück und Erfüllung verholfen.
Die Jacke hat er noch immer im Spind, man weiß ja nie, feixt er, aber daß er irgendwann irgendwo sein liebes Notizbuch verloren hat, das ist denn doch überaus ärgerlich für ihn, nachhaltig sogar, meint er und streicht sich dabei
irgendwie sinnlich über die inzwischen sonnengebräunte Glatze.
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