Jedes Los gewinnt
Ob es nun wahr ist, oder nicht - man weiß es nicht, Annie tut jedenfalls nichts gegen dieses Gerücht, warum sollte sie auch?
Auch ist es ihr nicht wichtig, ob sie nun für eine Französin aus dem Elsaß gehalten wird oder nicht - sie lebt mit diesen Geschichten und auch von ihnen, lächelt nur manchmal spöttisch, wenn mal wieder sie jemand nach der Wahrheit fragt.
Nun, Annie besitzt und bewohnt am Rande des Dorfes ein mas, ein Gehöft mit einem riesengroßen Garten und einem Swimmingpool. Sie hat sich in der ersten Etage und im Turm behaglich eingerichtet, die restlichen drei Appartements und sechs Räume vermietet sie an Feriengäste, „chambre d’hôtes“, auf Wunsch auch mit Verpflegung, „table d’hôte“, akkreditiert vom französischen Fremdenverkehrsverband.
Und Annie lebt nicht schlecht davon.
Außerhalb der Hochsaison bietet sie einwöchige Kurse an, „die Grundrezepte der provençalischen Küche“, und von weit her kommen Männer und Frauen, die für eine Woche Zwiebelschälen, Markt- und Weingutsbesuche und gemeinsames Kochen und Essen mit viel Knoblauch einen beachtlichen Obulus entrichten.
Mittwochs, als „Bergfest“, bereitet Ali ein méchoui, einen Hammel am Spieß, und den rosé dazu gibt’s gratis, Musik und Tanz auch. Die Leutchen sind’s zufrieden, erzählen zu Hause von den schönen Erlebnissen und kommen auch gern zu einem Aufbaukurs. Den allerdings macht dann die Frau des Klempners, die beherrscht die Finessen der cuisine française.
Einem on-dit zufolge soll Annie auf überaus erstaunliche Art und Weise zu ihrem Anwesen gekommen sein: wie, das hat Julie mal in einer warmen Sommernacht in die Welt gesetzt:
Das mas ist vor Jahren in zerfallenem Zustand von einem Bauern aus der Gegend an eine Gruppe junger Geschäftsleute recht preiswert verkauft worden. Diese haben es binnen kürzester Zeit und mit sehr viel Geld restaurieren lassen, sind aber ihrer Geschäfte offenbar nicht ganz froh geworden, denn häufig tauchte die gendarmerie mit Hausdurchsuchungsbefehl auf und verleidete den Bewohnern das Leben im mas. Über kurz oder lang ging dann auch das Gerücht, die Jungs würden mit allerlei Stoff dealen, hätten sowieso reichlich Bares und würden ohnehin bald hops genommen werden.
Nun wird angenommen, diese Geschäftsleute hätten, um ihre Schäfchen wenigstens ein bisschen ins Trockne zu bringen, eine feine Idee gehabt.
Angeblich sollen sie in Frankreich, Deutschland und in England Zeitungsannoncen aufgegeben haben. Dort stand dann zu lesen „Mas in Südfrankreich, restauriert und komplett eingerichtet, zu verschenken! Wer die überzeugendsten Gründe nennt, warum gerade dieses mas und gerade in dieser Gegend seinen Träumen entspricht, gewinnt das Haus. Teilnahmeunterlagen für das Preisausschreiben gegen Überweisung von FF 850,-. Andresse und Kontonummer. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.“
Die Leute müssen binnen weniger Monate massenhaft Überweisungen und Anforderungen bekommen haben, der facteur jedenfalls soll damals viel zu tun gehabt haben.
So kann man es vermeiden, offiziell ein Haus zu verkaufen. Kein Notar, keine Steuern, keine Erklärungen, keine Kontrollen. Ihren Kaufpreis und ihre Investitionen, wird gemunkelt, sollen sie bei weitem ‘rausbekommen haben, aber als sie dann doch eingelocht wurden, war kein sou mehr auf ihren Konten zu finden.
Annie jedenfalls ist Eigentümerin des Hauses. Sie besitzt eine hieb- und stichfeste Schenkungsurkunde.
Kein Mensch weiß, wie sie es hingekriegt hat, die ehemaligen Besitzer zu überzeugen, dass sie und nur sie die Gewinnerin des Preisausschreibens hatte sein können.
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