Join the army, see the world
Englischsprachig zwar auch, aber eben Amerikaner, dazu noch aus New York, sind Sarah und David über die Jahre in ganz Europa, auch in Deutschland (Heidelberg, versteht sich), Lehrer für Soldatenkinder der amerikanischen army gewesen.
Auf ausgedehnten Reisen haben sie Südfrankreich kennen und lieben gelernt und sind dann, Schicksal oder Zufall, im Dorf hängengeblieben. Und wenn man ein Haus oder eine Ruine kaufen will, dann müssen bestimmte Erfahrungen gemacht werden, anders geht das gar nicht.
Kurzum, die Zwei haben das Haus von den beiden Engländern, dem officer und seiner Frau, gekauft.
Ein durchaus entzückendes kleines Gebäude, schon restauriert, auf zwei Ebenen offen zu bewohnen und mit einem atemberaubenden Blick über die Ebene nach Nordosten.
Das Häuschen hat nur den Nachteil, dass kein Garten dabei ist und - vor allem - dass es am Hang liegt. Das heißt, ab ca. 13 Uhr scheint die Sonne nicht mehr, und wenn es regnet, mon Dieu, dann läuft das Wasser an der Hangseite die Wände herunter. Das Haus ist feucht, sehr feucht, und wenn der offene Kamin angeheizt wird, dann füllt sich der gesamte Innenraum mit Qualm, aber es wird nicht warm.
Sarah war verrückt danach, einen Garten bearbeiten zu können, sie liebt Blumen und die Arbeit mit der Erde über alles. Ständig war sie mit dem Fahrrad unterwegs, immer fröhlich, sonnengegerbt und guter Dinge.
David dagegen ist ganz anders, körperlich schon viel größer als seine Frau, ist er ein Freund der schönen Künste, der Literatur und des Sports. Das Bistro betritt er ausschließlich und auch nur kurz, um den Figaro zu kaufen, den trägt er den ganzen Tag dann in der Sakkotasche, sozusagen als Presseausweis. Und Tennis spielt er, so hört man, mit einer Grandezza, dass auch erfahrenere Französinnen ihn anhimmeln.
David gibt sich gern gelehrt, streicht sein fülliges, nur von wenigen silbrigen Fäden durchzogenes Haar mit der Linken aus der Stirn, setzt auch schon mal eine sehr aparte Lesebrille auf und hält belehrende Vorträge zur Weltliteratur, ganz Feingeist.
Sein Kontakt zu den Einheimischen beschränkt sich auf gelegentliche Treffs zu den Apéritifsoirées der Arrivierten, zu Handwerkern hat er im Gegensatz zu Sarah ein eher herablassendes Verhältnis.
Nach Jahren in feuchter Hütte erreichte die beiden die erfreuliche Nachricht eines Erbes aus New York. Die überwiesene Summe setzte sie in den Stand, umgehend - endlich - ein neues Auto, einen schwarzen Golf, was sonst, zu erwerben und darüber hinaus ein neues altes Haus am Dorfrand, aber diesmal mit großem Garten, auf einem kleinen Hügel und mit einem Schwimmbecken.
Und da wurde Sarah entsetzlich krank. Inmitten wunderschöner Blumen, zwischen Kräutern und Hecken und Bäumen war sie nicht mehr in der Lage, ihre geliebte Gartenarbeit zu verrichten. Völlig entkräftet war es ihr Wunsch, noch einmal zu schwimmen, die Sonne zu sehen und die Dürfte ihres Gartens einzuatmen.
Danach trug David sie ins Haus. Sie ist am gleichen Tag gestorben. David trägt den Verlust seiner Frau mit größter Fassung. Er ist vielleicht noch etwas dünner geworden, aber aufrecht und konsequent vermeidet er weiterhin zu enge Kontakte im Dorf, zu den Einheimischen ebensowenig wie zu fremden Bewohnern, und unerschüttert führt er weiterhin sein Leben für Sport, Kunst und Kultur.d es späten Abends hinter nachlässig geschlossenen Gardinen vor seinem mit Taschenbüchern vollgestopften Regalen lesen oder auf und ab gehen.
Manchmal besucht ihn eine Freundin, oder er fährt an andere Orte, vergisst auch schon mal, seine Katze zu füttern, wenn er abwesend ist, aber der englische Offizier und seine Gattin von gegenüber nehmen diese Pflicht auf sich.
Er wird wieder bei einer seiner Damen gewesen sein, grinst sie dann.
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