Im Kreis
Aus diesem Gefühl, immer nur zur Miete zu wohnen, daher kommt doch das ganze Heimweh, endlich weg von diesen Autobahnen voller Sprühregen, Nebel, teuflischen Geschwindigkeiten und unbegreiflicher Agression. Und in einer bestimmten Lebensphase dann führen die Wege ohnehin eher nach Süden, über gewundene Straßen durch diese Landschaften und kleinen Dörfer nun nach Frankreich, ins Languedoc.
Natürlich sind die überlieferten Rituale wieder hilfreich, ein Stück baquette, ein Gläschen roter Wein, etwas guten Käse, was braucht der Mensch mehr, doch irgendetwas ist ganz, ganz anders geworden.
Die boule-Plätze sehen aufgeräumter aus, manch Dorf nennt sich stolz ‘village fleuri’, und durch hohe künstliche Bodenwellen , die ‘gendarmes dormants’ wird bei der Durchfahrt verhaltene Geschwindkeit erzwungen.
Doch das allein ist es nicht. Nicht nur das Aufgeräumte, neue, saubere und glatte irritiert den Reisenden. Nach drei, vier Dörfern wird es klar: Die Straßenbeleuchtungskörper, auch Straßenlaternen genannt, die sind es vor allem, die den Blick irritieren, in jedem Dorf individuell und aufs neue.
Einem unbestätigten on-dit zufolge sollen diese teils verwegen gestalteten öffentlichen Leuchtobjekte prämierte Ergebnisse aus Wettbewerben für Jungarchitekten sein. Der oder die
Jahrgangsbeste soll die jeweiligen fixen Ideen von Straßenbeleuchtungsdesign ungehindert
austoben dürfen, so wird behauptet.
Nun, nicht wirklich jeder Entwurf kann als ausgesprochenes Kleinod gelten oder einem Dorf zur Zierde gereichen, aber dem Licht ist es schließlich gleichgültig, wer es anmacht.
Und wenn’s darüberhinaus noch der Sicherheit der Dorfbewohner dienlich ist...
Aber auch das neue Beleuchtungssystem in den Dörfern allein ist es nicht, was so beunruhigend unvertraut wirkt.
Das erstaunliche Phänomen liegt schlicht vor den, in den und hinter den Dörfern mitten auf der Straße:
Es sind die neuen rond points, die giratoires, auf deutsch Kreisverkehre, ja, und wer drin ist, hat die Vorfahrtsberechtigung, so ist das jetzt.
Ist ja nix gegen einzuwenden, Verkehrsberuhigung, Ende der Raserei, schön und gut, was in den letzten Jahren sich da jedoch entfaltet hat, macht den Liebhaber Südfrankreichs beklommen.
Einverstanden, kaum ein Dorf hat keinen Kreisverkehr, letztlich auch zum Wohle der Bevölkerung, aber die Gestaltung...
Wie der Name schon vermuten läßt, ist ein Kreisverkehr rund, d.h. es verbleibt eine Fläche innerhalb der kreisrunden Straßenführung .
Oh nein. Auch hier feiern Kreativität, Form, Farbe und Bepflanzungsphantasien frohe Orgien:
Wasserspiele, die Pflanzen der garrigue, Olivenbäumchen, ein Schäferhüttchen aus Naturstein nebst Schäferkarren, eine alte Dampflokomotive, alles dekoriert auf die angehäufelten Erdmassen, den kleinen Hügel in der Mitte des Kreisels. Bemerkenswerte Präsentationen für emfindsame Gemüter, teilweise unvergeßlich.
In der Camargue ziert ein mindestens zwanzig Meter hoher Flamingo aus rostigem Eisenblech
den Erdhügel, Richtung Bagnols wird eine veritable kleine Wassermühle angetrieben und mitten in Uzès sitzt über rauschenden Wasserkaskaden neuerdings eine riesengroße cigalle an einem stilisierten Grashalm. Mit Einbruch der Dunkelheit leuchten ihre Augen, elektrisch.
Unser Dorf soll schöner werden, ach ja...
Den eindrucksvollsten Kreisverkehr südlich von Lyon zu finden, das wär’ denn auch einen concours wert.
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