Lesen bildet
Kirsten weiß alles über die Irrungen und Wirrungen in den europäischen Adelsfamilien, wer mit wem und warum nicht, kennt sich aus mit Horoskopen und erstaunlichen Kochrezepten und spricht überdies ein überaus wortreiches, wenngleich in der Aussprache durchaus eigenwilliges Französisch.
Das wundert manche, besitzt sie doch weder einen Fernseher, noch hat man sie je an irgendwelchen Kursen der université populaire teilnehmen sehen.
Freilich, Waldmeister hat sie schon mal als "maître de fôret" bezeichnet und auf einfühlsame Nachfrage nach ihrem "vie conjugale" antwortete sie empört, sie esse doch kein Fleisch, schon gar nicht vom Lamm die "gigot", die Keule.
René kam ihrem Geheimnis auf die Spur, als er sie mal am Altpapiercontainer auf der place du 8. mai traf.
Kirsten hatte eine Jutetasche voller Altpapier zum Entsorgen dabei, beugte sich zuvor jedoch tief in den Container und fischte sorgsam die darin befindlichen bunten Hefte der yellow press, Programmzeitschriften und dergleichen heraus, legte sie daneben, stauchte sie auf Vierkant und packte sie dann vorsichtig in ihre inzwischen geleerte Tasche.
Von den anderen darauf angesprochen, errötete sie nur leicht. "So'n Mist kauf' ich mir doch nicht!", lächelte sie schalkhaft, "muß man ja doch wieder entsorgen!"
Nun weiß man inzwischen, woher die anrührenden Tierbilder in ihrer Wohnung stammen, auch all die Haushaltstricks und Rezepte: aus Marie France, Marie Claire, Geo, Elle, Cosmopolitan und so.
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