Möbel verbrennt man zu Hause
SR. ist Deutscher, so um die Fünfzig, sieht aber entschieden jünger aus, so sagt er jedenfalls, und wenn er seine 5401, die knappe Version anzieht, und einen weiten Pullover wg. Bauchansatz, dann hat er, davon ist er überzeugt, im ganzen Dorf den knackigsten Arsch all derer, die sein Alter haben.
Nun, R. ist ein praktischer Mensch, einer, der lieber delegiert als schwitzt und wohl auch lieber vierzehn Tage nachdenkt, als ein Leben lang zu arbeiten.
Erschwerend freilich kommt hinzu, dass R. aus Berlin stammt. Nicht so vonwegen berliner Schnauze und so, gar nicht. Aber aufm Quivive, was heißt, er hat in den berliner Jahren, in denen wir noch recht hatten, seine Lektionen gelernt, nach all den Sommern unterwegs in Frankreich und überall, dann doch geheiratet und mit seiner Liebsten in eben diesem südfranzösischen Dorf flugs eine Ruine gekauft, damals, allerdings mit gutem Dach und Strom und Wasser, denn, so einer seiner Standards, „man muss es ja nicht übertreiben“. Zwar ist nach vertraulicher Selbstauskunft sein Prinzip, dass er keine Prinzipien hat, aber es kommt immer drauf an, sagt er.
Und immer die Nase im Wind, beim Trödelmarkt, in der Weinkooperative, beim Automechaniker und auch beim Baustoffhändler. Er hat, wie man hier sagt, „pistons“, Beziehungen, macht gern Schnäppchen, gute kleine - manchmal auch große - Geschäfte.
So haben sie es hingekriegt, in zehn Jahren ein tadelloses Haus, über Erdgeschoss, erste Etage und Dachboden, auszubauen. Gut, die Fassade ist immer noch etwas leprös, aber das ist, sagt R., sowieso nur für die Nachbarn, sie wohnten schließlich im Haus und würden es nicht pausenlos von außen ansehen. Überdies hielte ein bröckliges Äußeres hervorragend potentielle Einbrecher ab. Na ja, und das Bad im Erdgeschoss ist gruftig und hat den Charme eines preußischen Kadettenpissoirs, aber alles, jedenfalls im Erdgeschoss, damals selber gemacht, jawohl. Und geschlafen hätten sie auf Feldbetten, offenes Feuer unterm Schornstein, aber zu Weihnachten Austern, hallo. (Die sind hier sehr preiswert ...)
Aber in der ersten Etage das Bad, holla, das liegt eingebaut. Extra Lokus, versteht sich, alles vom Feinsten.
Woher er das Geld hat, das weiß keiner so genau. Es wird gemunkelt, er schreibe Schlagertexte oder übe nebenher undurchsichtige Tätigkeiten aus. Wie auch immer, als dann die Partie Terrakottafliesen (Sonderpreis, da Restposten und auslaufendes Modell, R. hat die zwo Paletten sehr günstig erstanden), auf allen Ebenen verlegt worden waren, ein Maler in Schwarzarbeit die Wände geweißt (Objektlohn, nicht nach Stunden bezahlt!) hatte, da stellte sich ganz entschieden die Frage der Einrichtung.
„Ich habe“, sagt R. gerne des Abends beim Rotspon in der Küche, „ich habe einen ganz einfachen Geschmack“. Wer ihn noch nicht kennt, guckt betroffen. „Ja“, fügt er dann hinzu, „nur das Beste, nur das Allerbeste.“
Und was nun ist in Frankreichs Süden an Möbeln etc. p.p. das Beste?
Entweder ‘schön rustikal’, wacklige Stühle mit geflochtener Strohsitzfläche oder eben - richtig! - einkaufen im großen schwedischen Möbel- und Einrichtungshaus ... Das gibt es auch in Frankreich. Dreimal in Paris, wohl auch bei Lyon und eins in Vitrolles bei Marseille.
Praktisch denken, heißt bei R. ja auch, Geld sparen und keinen Weg umsonst (vergeblich) machen.
So holt er also seinen alten Kumpel aus schweren Seglerzeiten vom Flughafen Marseille-Martignane ab, mit dem Kleinbus, versteht sich, und eröffnet ihm, jetzt würden sie erstmal Lachs essen. In diesem Möbelhaus eben.
Seine Frau, einstweilen allein reisend in Bali und Malaysia, hatte R. vor ihrem Abflug detailliertere Anweisungen wg. Stil und Ambiente erteilt, kaum abweichend von R.s eigenen Vorstellungen.
Wer beschreibt sein Entzücken, als er exakt jene Fauteuils, die mit dem cremefarbenen Überzug, zum halben Preis als Sonderangebot findet.
Schneller als geplant, ohne den versprochenen Lachs, gekauft und heim ins Dorf und die Sessel ausgepackt. Eben so Sessel zum Selbstzusammenbauenzuhause. Gut, schön, sitzt, passt, sieht passabel aus. Aber beim zweiten!
Die vier schwarze Holzbeinchen, die konischem, mit Schraubgewinde, die fehlten beim zweiten Sessel.
Und nun R. Am nächsten Morgen gleich bei dem Laden angerufen, er wäre ja Ausländer und so, das ginge aber nicht, ihm fehlten doch die vier pieds noirs. Erschütterung am anderen Ende der Leitung: Was bitte fehlt Ihnen? Quatre pieds noirs?! (Das ist die Bezeichnung der sog. Algerienfranzosen). Ach so, haha, die Beinchen für den Sessel, verstehe, na, kein Problem, die schicken wir Ihnen. Wie bitte ist Ihre Adresse? Und R. brummelte heute leicht pikiert (heute wissen wir, er hat diesen Scherz in voller Absicht verbraten) Name, Straße und Ort in den Hörer.
Jeden Tag wartete er auf den Briefträger. Nie kamen pieds noirs an, noch vier Mal hat er angerufen, dann hatte er die gleiche freundliche Dame vom ersten Mal am Apparat. Sie erinnerte sich an dieses eigentümliche Gespräch und erklärte, das Paket sei wieder aus der Normandie zurückgekommen, sie brauche doch seine exakte Adresse.
Gut, gut, diesmal klar und deutlich. Drei Tage später, der mittlerweile auch ins Benehmen gesetzte Facteur strahlte wg. Ehrenrettung der PTT, kam die Sendung an.
R.’s Frau, schon ganz scharf auf den zweiten Sessel, ging beherzt ans Werk, zog den Überzug über die Lehnen, schraubt die vier schwarzen Beinchen an, hob das Sitzkissen heraus, um es ebenfalls zu beziehen und entdeckte darunter, säuberlich und weich verpackt - vier pieds noirs.
Tja, sagte Freund G. aus Hamburg trocken, seemäßige Verpackungen bieten immer wieder Überraschungen.
Und was tun mit inzwischen acht pieds noirs?
R. hat vier von ihnen entschlossen - Umwelt her, Umwelt hin - in die Glut des dänischen Kaminofens geschmissen. Heissa, wie das prasselte.
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