Musik kennt keine Grenzen
Der Innenhof des Rathauses in Uzès, gepflastert zwischen massiven uralten Steinen, imposanten Treppen und den Rundgängen der ersten Etage, wird gern als Ort für kulturelle Darbietungen benutzt, insbesondere für Konzerte klassischer Musik.
Die Mitarbeiter der Stadtverwaltung stellen dann ein Podest auf und sorgen für hinreichend Sitzplätze.
Allzu bequem allerdings sitzt man nicht, denn bei der Bestuhlung handelt es sich um Sitzmöbel schlichtester Konstruktion: Stahlrohr, zusammengeschweißt und mit je einem Sperrholzbrettchen auf der Sitzfläche und als Lehne. Eine harte und zugleich fragile Angelegenheit, aber praktisch, man kann diese Stühle nämlich ausgezeichnet stapeln.
Weil das Stahlrohr gebogen ist und auch ein wenig federt, ist, wenn der Nutzer ein gewisses Körpergewicht überschreitet, ist diesem Möbel gegenüber äußerstes Mißtrauen durchaus angebracht. Damit etwa zu kippeln ist völlig ausgeschlossen.
In Jugendherbergen, Schulen und auch auf Dorffesten findet man dieses Modell noch, aber es verschwindet immer mehr.
An jenem Abend sollten Oboenkonzerte von Albinoni dargebracht werden, wunderschöne Musik in diesem historischen Ambiente.
Vor uns hatte ein älterer, recht wohlbeleibter Herr Platz genommen. Rechts und links von ihm saßen seine entzückenden Teenagertöchter, und beide flüsterten ihm eindringlich zu, um des Himmels willen bloß ruhig zu sitzen, Papa, diese Stühle...Er machte eine unwirsche Handbewegung, murmelte soetwas wie "Paperlapapp!", legte den Finger auf die Lippen und harrte gespannt dem Beginn des Konzertes.
Der Hof es Rathauses ist, wie erwähnt, gepflastert, gemischt aus Granitplatten und sogenannten Katzenköpfen, dazwischen natürlich Fugen und Spalten. Eines der vorderen Stahlrohrbeinchen von des Vaters Stuhl mußte nun in eine solche geraten sein, denn der Mann saß aufeinmal überaus schief auf seinem Sperrholzsitz. Er wollte nicht stören und rücken und rutschen, verlagerte ein wenig sein Gewicht und lauschte konzentriert der Oboe.
Plötzlich wurde er zusehends kleiner, langsam, ganz langsam, immer kleiner.
Dann sahen wir es genau. Weich und lautlos spreizten sich die beiden hinteren runden Stuhlbeinchen in Zeitlupe nach außen.
Entschlossen griffen wir dem Manne von hinten rechts und links unter die Arme, da war's auch um das Stühlchen schon geschehen, es kippte vollends nach hinten weg.
Der schwergewichtige Vater reckte sich hoch auf, tupfte sich nervös den Schweiß von der Stirn und strebte, pardon, pardon murmelnd, aus seiner Sitzreihe.
Den Rest des Konzertes hat er auf der unteren Stufe der Steintreppe sitzend genossen, lächelnd und entspannt.
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