Naturverbundenheit / Mitleidscrisis
Frank war schon immer Technik- und Naturfreak, er ist glücklich, wenn er in Bau- und Technikmärkten herumstreunen kann und neueste, für den Haus- und Gartengebrauch hilfreiche technische Errungenschaften erwerben kann.
Aus erster Ehe hat er drei erwachsene Kinder, seine geschiedene Frau hat das reetgedeckte Haus hinterm Deich, das Frank jahrelang liebevoll restauriert hat, behalten, vermietet es profitabel an Sommer- und Wintergäste und lässt, fidele Frührentnerin, dafür den lieben Gott einen guten Mann sein.
Frank dagegen hat sein neues Glück mit Rosemarie und dem von ihr ererbten Haus mit Garten in der Nähe des Dorfes gefunden.
Aber er muss noch mindestens zehn Jahre arbeiten, und Rosemarie auch, und so fahren sie jedes Jahr im Urlaub über und über beladen mit Werkzeugen, technischen Geräten und guter Laune nach Frankreich, das Haus instand setzen.
Frank hat sich inzwischen zwei unterschiedlich große Anhänger für den VW-Bus gekauft, drei unterschiedliche Rasenmäher, eine komplette Werkstatt zur Holzbearbeitung und neben den einschlägigen Metallbearbeitungswerkzeugen auch ein Schweißgerät. Er kann alles in Haus und Garten selber machen, wirklich alles.
Rosemarie geht derweil im Dorf spazieren, setzt sich ins Bistro, redet freundlich mit den Leuten, obwohl die ihre lingua mixta mediterranea des guten Willens kaum verstehen, sucht in den umliegenden Pepinerien Büsche, Blumen und Bäume für den Garten aus und ist guter Laune. Und Frank baut am und im Haus und im Garten und baut und ist froh.
Man muss wissen, dass Rosemarie und Frank schon die Fahrten zu ihrem Haus genießen. Hin und zurück nehmen sie sich jeweils eine ganze Woche Zeit. Das liegt zum einen daran, dass sie so schwerbeladen nicht schnell fahren können, zum anderen möchten sie gern Landschaft genießen und entspannt ankommen, das kann man ja verstehen.
Leider bleiben ihnen dann nur noch gut drei Wochen für Garten und Haus, und das wird knapp.
Eine andere Sache ist freilich, dass Frank einige Segnungen Frankreichs nun überhaupt nicht zu schätzen weiß. Er trinkt keinen Wein, isst keinen Käse, und er mag auch nicht in Flüssen oder am Meer baden. Wandern schon gar nicht. Teile des Anhängers sind vollgepackt mit Lebensmitteln aus deutschen Discounterläden.
Haus und Garten genügen ihm voll und ganz in Frankreich.
Günter, der in einem sehr alternativ konstruierten Anwesen unweit mitten in der Garrigue lebt, sommers wie winters, Solarstrom und Brunnenwasser für völlig ausreichend hält und die Städte meidet, Günter fragt denn auch - fast schon traditionell - jedesmal tückisch: „Jetzt habt ihr euer Haus da am Dorf, schön. Was macht ihr denn dann, wenn ihr ankommt?“
Und Frank antwortet ernsthaft und treuherzig, dass zunächst gelüftet werden muss, weil ja die Fenster wegen Einbruchsgefahr während ihrer Abwesenheit geschlossen gehalten werden müssen und es demzufolge etwas muffig riecht, dass er dann die Vorräte verstaut und anschließend einen Plan für die Wiederherstellung des Gartens macht, vielleicht einige Regale baut und möglicherweise Holz hackt, falls noch Zeit bleibt, denn sie könnten sich immer besser vorstellen, einmal ständig dort zu wohnen.
Mit dem Garten ist es nicht einfach. Rosemarie ist sehr liebevoll dabei, ihn zu pflegen und zu hegen. Frank prüft den Einsatz unterschiedlicher Schneide-, Grab- und Mähinstrumente, und immer, wenn sie wieder abfahren, haben sie sich ein grünes Paradies geschaffen.
Es tut weh in der Seele, jedes Mal fast wieder von vorn beginnen zu müssen, und so hat sich Frank an eine komplizierte technologische Lösung gewagt.
Sie haben Bewässerungsschläuche verlegt, um jeden Busch und Baum, an die Blumenbeete und über den Rasen. Die Bewässerung sollte über den Wasserhahn im Garten, also über die kommunale Wasserversorgung erfolgen, aber elektronisch gesteuert. Denn wenn keiner da ist, wer soll dann den Wasserhahn aufdrehen, nicht wahr.
Das war eine komplexe technische Anlage, auch der Strom durfte nicht abgeschaltet werden, während ihrer Abwesenheit. Ein- und Abschalten der Bewässerung konnte per Telefonimpuls bewerkstelligt werden. Frank hat uns das damals haarklein erklärt, sämtliche technischen Finessen und darüber hinaus die absolute Zuverlässigkeit dieser Einrichtung. Immer Mittwoch abends und Sonntag früh hat er den Impuls zur Bewässerung des Gartens telefonisch ausgelöst, und beide haben sich sehr auf seine grüne Pracht gefreut.
Als sie im Sommer drauf wieder anreisten, stand alles, wirklich alles unter Wasser, ca. 30 Zentimeter hoch.
Im Garten wuchsen nur noch schilfähnliche Gräser, Frösche quakten und anderes Getier fühlte sich auch wohl. Aber die Grundmauern des Hauses mussten trockengelegt werden.
Niederschmetternd war die Rechnung der CISE, über 15 000 Francs.
„Wir dachten, ihr wolltet hier ein Biotop einrichten oder sowas“, sagten die Freunde, als Rosemarie und Frank vorwurfsvoll nachfragten, warum denn niemand sie benachrichtigt habe.
Seit dieser Zeit geht die Frau des Klempners zweimal pro Woche den Garten gießen. Gegen Honorar, das versteht sich ja wohl.
Und über eine Schaltuhr, eine mechanische, läuft ein Entfeuchtungsautomat im Erdgeschoss, der zieht die Nässe wieder aus den Wänden, sagt Frank.
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