Nostalgie
So mancher der Frankophilen mit Haupt- oder Nebenwohnsitz im Süden hat und hegt seit vielen Jahren durchaus zärtlich zu nennende Gefühle für die ungemein praktischen und sparsamen und bequemen Produkte der französischen Automobilindustrie.
Peugeot, Renault oder Citroën, dass sind Themen von umfassender Bedeutung, und Simca, die schöne Aronde ...
Walter fährt seit Jahren den Peugeot 404, mit schwarzen Ledersitzen und Stahlschiebedach. In regelmäßigen Abständen erneuert er zwar die Membran der Benzinpumpe durch ein Stück Schlauchgummi, er hat auch schon die Laufbuchsen ausgetauscht und neue Schweller eingeschweißt, aber er lässt auf seine 404 (das Kfz ist im Französischen bekanntlich weiblich) nichts kommen, hegt und pflegt sie, und er kommt bisher - wenn auch langsam - überall hin.
„Hast du Niveau, fährst du Peugeot“, lächelt er einfühlsam, wenn Lars, der Schwede, mal wieder an seinem R4 zugange ist, mit der Handkurbel zum Beispiel die Zündung einstellen und so.
„Nein, dann fährst du Renault!“, grinst Lars zurück, und dann machen sich beide auf die Fehlersuche am R4 und versuchen, sie zu reparieren.
Nun hat das mit der Liebe zu alten französischen Autos vielfältige Bewandtnis. Erstens erhält man relativ einfach eine französische Zulassung, das heißt, eben auch das heiß begehrte Nummernschild des départements, zumindest, wenn man anhand einer Stromrechnung nachweisen kann, dass ein Wohnsitz vorhanden ist, und zweitens wird für die sehr alten Modelle kaum noch Steuer verlangt. Gut, die technische Prüfung ist obligatorisch, aber das kriegt man schon hin, man hat ja Zeit.
Lars nun hatte einen wunderbaren R4 angeboten bekommen, weinroter Originallack, in durchaus gutem Allgemeinzustand. Er musste allerdings umgerechnet fast 2500 DM dafür hinlegen, der Preis war für den Verkäufer, einen Weinbauern, nicht zu diskutieren.
Der Handel wurde perfekt gemacht, Handschlag, einen Pastis auf den Weg und adieu.
Noch am gleichen Nachmittag musste Lars eine entsetzliche Entdeckung machen: Sein Renault war tatsächlich noch mit einer 6-Volt-Anlage ausgestattet. Batterie, Lichtmaschine, Starter, Glühlampen, alles auf 6 Volt.
Und der Starter tat’s nicht mehr.
Nun gibt es in der Nähe von Nîmes einen riesengroßen, sehr übersichtlich sortierten und höchst professionell betriebenen Schrottplatz. Ein Anruf ergab, ein 6-Volt-Starter - der letzte! - sei am Lager, 150 Francs.
So wurde denn Ingo mit seinem japanischen Kleinbus gebeten, Lars über die kleinen Straßen abzuschleppen, den Starter abzuholen und vor Ort einzubauen. Wer je bei einem R4 den Starter ausgetauscht hat, der ist auf dem besten Wege, wieder zu Gott zu finden.
Aber durch Zufall ergab es sich, dass gegenüber des Schrottplatzes sich eine kleine Werkstatt befand, und die Jungs ließen auch sofort alle andere Arbeit sein und sagten freundlich, selbstverständlich, das machen wir ihnen. 350 Francs.
Nach knapp zwei Stunden konnte Lars mit seinem R4 ohne die Schlepp­hilfe eines japanischen Kleinbusses mit deutschem (!) Nummernschild vom Hof fahren, so gegen 12 Uhr.
Auf der Hauptstraße allerdings spielte die Zündung mal wieder verrückt, und er musste zurück in die Werkstatt. Punkt zwölf. Den Mechanikern sprang der Hunger aus den Augen. Um zwölf wird - das ist heilig! - gegessen. Mit Todesverachtung haben sie schnell die Zündung reguliert und sind dann über die Straße zu ihrem Onkel auf den Schrottplatz zum Essen gegangen.
Noch am gleichen Nachmittag stellte sich aber durch Experimente heraus, dass der alte Starter von Lars’ Kraftwagen überhaupt nicht defekt gewesen war. An der Schwungscheibe fehlte ein Dutzend Zähne. Der Anlasser konnte nicht greifen.
In der Renault-Werkstatt haben sie Lars nicht nur die Schwungscheibe, sondern - bei der Gelegenheit - gleich die Kupplungsscheibe erneuert. Und weil der Wagen ja nun gerade in der Werkstatt war, auch die Zündkabel und die Zündkerzen.
Lars’ Frau lehnt es ab, mit diesem Auto zu fahren, obwohl man so bequem und so viel damit transportieren kann. Sie haben sich jetzt ein neueres Modell gekauft, das weinrote steht in der Remise. Einen Käufer für dieses 6- Volt -Modell haben sie noch nicht finden können.
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