Personality
Es gibt Menschen, die es partout darauf anlegen, aus der allgemeinen Uniformiertheit von Hinz und Kunz hervorzustechen, sei es, dass sie - wenn sie jung sind - es schick finden, die abgelegte Arbeitskleidung ihrer Eltern zu tragen, sei es, sich Accessoires der vermeintlichen Unverwechselbarkeit zuzulegen. Bei britischen Pferderennen werden ja auch bisweilen exotische Hutmodelle bei den Damen gesichtet.
Im Dorf ist das anders. Nur die Zugereisten, speziell die aus Paris, legen Wert auf ausgesucht modisches Outfit, so Strohhut und seidene Wallewallekleidchen mit roten Pumps. Ansonsten trägt man die Sachen auf, die man ohnehin besitzt, Jeans und T-shirt, ärmlich aber sauber, und man bewahrt das wenige Geld für Sinnvolleres, Blanc et bleu sieht sowieso immer „angezogen“ aus, und wenn’s denn sein muss, kann auch die ausgewaschene Jacke vom Blaumann herhalten, gebügelt, versteht sich.
Nun gibt es hin und wieder Theater- oder Konzertveranstaltungen im Dorf oder in der Kreisstadt, die werden in der Regel von einer Agentur betreut. Die Mitarbeiter dieser Agentur sehen kleidungsmäßig auch so aus wie alle. Gut, bei den Männern der eine oder andere schüttere Pferdeschwanz oder ein Dreitagebart, aber Madame der Truppe ist immer wie aus dem Ei gepellt gewandet: mindestens ein Kostüm und - immer - ein passendes Hütchen. Das hat seinen Sinn, denn so kann man sie nie übersehen, weiß stets, wo sie ist: Madame mit dem Hut ist die Chefin. Chefin ist die Madame mit dem Hut, voilà.
Einer von denen aus Berlin, den Ständigen, besteht nun auch auf besonderer Erkennbarkeit. Peter trägt spanische Lederstiefel, Camarguehosen, diese engen mit roten Biesen und - bei jedem Wetter - den schwarzen Hut der Stiertreiber, immer.
Nicht, daß er besonders kleinwüchsig oder unauffällig wäre, gar nicht, das ist eben seine Kluft.
Bei einer dieser Vernissagen im Nebenraum eines imposanten Gebäudes aus alter Zeit eines der in der Gegend aquarellierenden Künstlers, man geht da ganz gern hin, wg. Pastis, amuse-gueules und aus alter Freundschaft, rutschte der Künstlersgattin vor versammeltem Publikum „huch, sie sehen ja aus, als kämen sie direkt aus der Camargue geritten!“ ‘raus, was den Peter natürlich überhaupt nicht ärgert.
Aber dann dröhnte es aus den hinteren Reihen raumfüllend: „Alter, ey, gib dir keine Mühe, du bist keine Minderheit!“
Völlig unvermutet waren Bekannte aus Berlin auch auf dieser Vernissage, die Kumpels aus den frühen Jahren.
Kurzfristig stellte sich Beklemmung ein.
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