Nachmittag unter Platanen
La Provence, trockene Rotweine, lange Spaziergänge, Sie wissen schon ...
Von wegen.
Nun, die Freunde hatten uns eingeladen, sie hatten bei einer entfernten Bekannten, die früh Beamtenwitwe geworden war und die sich entsprechend rechtzeitig und preisgünstig ein Anwesen westlich der Rhône hatte erwerben können, ein feuchtkühles, aber immerhin rustikales Appartement angemietet, so um DM 700 die Woche, Strom und Endreinigung nicht eingerechnet.
Richtig schön war es dort. Besonders im Garten, denn dort stand eine alte Platane und darunter einer dieser vergrinteten runden Eisentische, so mit fünf bis sechs unterschiedlichen Farbanstrichen, und da trinkt man denn schon mal gern den einen oder anderen Pastis, gegen alle Vernunft auch vor Sonnenuntergang, schließlich herrscht Schattigkeit.
Zu jener Zeit hatten auch wir bereits unsere Ruine erworben und wir galten in den Kreisen der Einheimischen als mutige Menschen, hatten wir doch tatsächlich die feste Absicht verkündet, das Gemäuer, „unser Haus“ zu einem solchen zu machen, mit Maß und Ziel, denn, wieder Franzose sagt, petit à petit. l’oiseau fait son nît.
So schwätzten wir also über das Leben, das Klima, die Menschen und den Wein, über die Ferien und dass sie nie vorüber gingen, zerrieben gedankenverloren Rosmarin und Lavendel zwischen den Fingerkuppen und widmeten uns, hin und wieder Einverständnis nickend, diesem besagten Getränkt, welches, man weiß es, doré getrunken wird, also mit nicht zu viel, aber auch nicht zu wenig Wasser vermischt, Unbelehrbare nehmen auch Eis dazu.
Und dann kam sie, in England sagt man wohl landlady, in Frankreich vielleicht eher was anderes, so eine damenhafte Gestalt eben, vorteilhaft gekleidet, verhalten abgebräunt, sozusagen semi-levantinisch, doch mehr kupfern als olivfarben mit diesem betont jugendlichen Swing-Gang und dem chronisch zuversichtlichem Lächeln um die durchaus überzeugenden Lippen.
Sie schwenkte, wenngleich gut sichtbar, so doch diskret eine Flasche Pastis in der linken Hand, allerdings die kleine Ausgabe, 0,33 l, eine Versuchung für Nachdenkliche.
Wir wurden aufs Artigste begrüßt,. schließlich saßen wir in ihrem Garten, unter ihrer Platane, an ihrem Tisch, und sie brachte uns ihren Pastis. Jedoch, mon Dieu, es zeigte sich schnell, dass dieses kleine Fläschchen nur noch zu einem Viertel gefüllt war, und wie sich umgehend herausstellen sollte, für jeden für uns in der Tat nur ein wönziger Schlöck vorgesehen war. Die Gästebegrüßungsflasche sozusagen, immer mal wieder nachgefüllt, wenn denn neue kommen, für jeden einen.
Ich mag nicht beurteilen, ob es sich bei solche Übungen um Stil handelt oder so etwas, mir war einfach platanenmäßig nach einem weiteren, und den gab die Gästeflasche nicht her. Hmh.
Nun war es ohnehin schon später geworden, so halb Acht vielleicht, und der Franzose isst ja Punkt Acht. Was also lag nun näher, als in die Brasserie unten im Dorf zu wechseln, hatte die Appartementvermieterin doch bereits nachdrücklich deutlich gemacht, dass sie nun wirklich über keinerlei Pastis mehr verfüge und außerdem mit ihren geringen Einkünften heftigst haushalten müssen. Die Motorhaube ihres 205 Cabriolet schimmerte nur weiß in der Abendsonne.
Und wie das dann so ist. Die Wirtin, „eh bien, des Allemands“, nahm uns erstmal der Reihe nach in den Arm und versicherte, es sei „pas de problème“, noch was Anständiges zu essen zu machen, es sei im Prinzip alles sowieso für uns vorbereitet.
Nun, dann kam der Wirt an den Tisch mußte einen Pastis ausgeben und von der Kriegsgefangenschaft in Ki-el erzählen und noch einen, und den Wein sowieso, und es war richtig so wie in der Käsereklame in deutschen Illustrierten, da wurde die Appartementvermieterin immer stiller und ganz blass.
Was sie wohl hat, dachten wir, ob ihr wohl schlecht ist, vielleicht muß sie brechen?, was weiß man denn?
Nein, es brach anders aus ihr heraus, ganz anders und unerwartet. Ihre Oberlippe wurde steif und sie fing an zu bramborisieren: „Erst trinkt ihr mir meinen Pastis aus, dann geht ihr in meine Kneipe, tut so, als kennt ihr den Wirt schon seit Jahren und redet nur noch mit denen. In meinem Dorf, das dulde ich nicht!“
Und ihre Stimme war schrill und laut geworden, sie hatte sich erhoben und gestikulierte mit runden Armen, ganz blass im Gesicht, „das dulde ich nicht!“ Selbst der alte Bistrohund hatte sich erschreckt erhoben und schaute sie aus blutunterlaufenen Augen fassungslos an, als sie ihre Röcke raffte und erhobenen Hauptes die gastliche Stätte verließ.
Wir haben ihr am nächsten Tag eine Originalflasche Pastis mit der PTT zugeschickt.
Hin und wieder sehen wir sie, auf Ausstellungen oder bei Festen.
Richtig getroffen haben wir uns nicht wieder.
Sie hat, so wird gesagt, inzwischen zwei weitere Häuser an Feriengäste zu vermieten. Mit Piscine.
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