Je reviens
Gern sitzt man des Abends unter Bäumen beim Weißwein mit den Freunden, wenn ein lauer Wind weht und es so vieles zu erzählen gibt. Es wird gelacht und all der Sommerabende vor diesem Café gedacht, Geschichten aus den Ferien werden erzählt, völlig abstruse Erlebnisse, und die Luft beginnt nach fremden, fernen Ländern zu riechen.
An diesem Abend war das keine Einbildung mehr.
Von einem der Nachbartische kam mit dem Windhauch nicht nur Tabaksrauch herüber, sondern dann und wann auch der zarte, nie vergessene Duft des Parfums einer längst vergangenen großen Verliebtheit. Nichts weckt so heftig Erinnerungen, wie ein Geruch, vielleicht noch Musik, und Olaf konnte sich sehr genau daran erinnern, wann und wo er diese Duftkomposition in seinem Leben wahrgenommen hatte. Für die Freundesrunde war er an diesem Abend verloren: in rettungsloser Verzauberung schnüffelte er durch die Luft. Zwischendurch fragte er die anderen immer wieder: Habt ihr das gerochen? Da, da war’s g’rad wieder!
Aber die Freunde brachten es mit eiserner Körperbeherrschung nur weiterhin fertig, gleichzeitig zu reden und zu trinken.
Bis auf Monika. Plötzlich hob sie den Kopf, schnupperte nachhaltig und warf einen trägen Blick auf Olaf. „Jetzt habe ich es auch gerochen! Ja, dieses Parfum, da, da ist es wieder!“
Mit einer exklusiven, wenngleich etwas altmodischen Geste strich sie sich das Haar aus der Stirn. „Versuch’ doch mal zu finden, wo dieser Duft herkommt, Olaf,“ sagte sie grinsend, aber Olaf war schon aufgestanden und zu dem Nachbartisch gegangen, an dem eine junge fröhliche Frau mit ihrem etwas älteren Begleiter saß. Höflich und ernst erklärte Olaf, er müsse aus unabweisbaren Gründen den Duft der Dame überprüfen. Es könnte schließlich sein, da sie den Duft „je reviens“ trage wie eine seiner vergangenen großen Lieben.
„Kein Problem, Monsieur“, lachte die Dame und reckte ihm leicht verwerflich Ohr und Hals entgegen.
Olaf schnüffelte intensiv, nahm aber dann wieder eine aufrechte Position ein und schüttelte traurig den Kopf.
„Sie tragen einen bezaubernden Duft, aber leider ...“
Madame zuckte amüsiert die Schultern, als ihr Begleiter seine Brille zurechtrückte und, zu Olaf gewandt, sagte: „Stellen Sie sich doch mal vor, Sie finden tatsächlich die Dame mit diesem Parfum an einem anderen Tisch. Haben Sie schon überlegt, was Sie dann tun werden?“
Olaf hat an diesem Abend noch förmlich zwei Zigarren gepafft.
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