Rolling home
Das Entsetzliche, sagen fast alle im Dorf, gleichgültig welcher Nation, das wirklich au die Nerven Gehende ist die Anreise.
Ob von Hamburg, London, Berlin oder Kopenhagen, zwei Tage muss man schon rechnen, für die mindestens 1500 Kilometer.
Und der Verkehr wird ja auch nicht weniger, und wir werde nicht jünger, es ist furchtbar heiß unterwegs, und die Mautgebühren, die hohen Benzinpreise an der Autoroute ..l usw. usw.
alles richtig, doch Elend und Stress können gemildert werden. John und Family aus Birmingham zum Beispiel lehnt die lange Fahrerei rundweg ab. Er verfrachtet seinen Kraftwagen auf den Autozug und lässt sich bis Avignon auf der Schiene transportieren.
Warum sie nicht ohne das Auto kommen, als Zugreisende, das erklärt er plausibel: Dann könnten wir ja keinen Wein mitnehmen und keinen Knoblauch! Ein Leihwagen vor Ort würde auch keine Lösung bedeuten.
Madame und Monsieur Humpat aus Paris kommen immer mit ihrem Volvo. Autoroute? Kommt gar nicht in Frage! Die Zwei sind Rentner und - ungewöhnlich - sie haben Zeit. Und die gut siebenhundert Kilometer von Paris, die bewältigen sie jedesmal unterschiedlich und verbinden die Reise mit Sightseeing und vielen Pausen. Manchmal übernachten sie sogar zwei Mal, so, wenn sie im Berry einen entzückenden Ort gefunden haben, oder auch wenn sie die kleinen Bergstraßen durch die Cevennen benutzen. Und wenn sie besonders guter dinge sind, darf der Umweg schon mal einen großer sein: Bretagne, dann zum Mittelmeer über die Atlantikküste. Madame und Monsieur betrachten bereits die Anreise als Urlaub.
Diese Gelassenheit ist dem werktätigen Ferienhausbesitzer nicht immer vergönnt: Kinder und andere Unberechenbarkeiten zwingen zu exakten Planungen, Tagesetappen und Hotelvorbuchungen.
Wer von den Zugereisten seine Siebensachen über die Jahre schon im Hause im Dorf hat, der fliegt schon mal.
Aber hélas, Direktverbindungen nach Südfrankreich (Montpellier) gibt es wahrhaftig nur von England und von Dänemark. Es ist ein Elend mit der Fliegerei in Frankreich. Fast alle Flüge gehen tatsächlich über Paris, und wer nach Nîmes will, der muss in Paris den Flughafen wechseln, was auch nicht unter zwei Stunden möglich ist. Von dort dann eben ein teures Taxi oder einen Leihwagen oder die guten Freunde oder Nachbarn holen einen ab.
Ein Unternehmer aus Avignon hatte eine zündende, wenn auch nicht für jeden überzeugende Idee:
Seine Mitarbeiter übernehmen bei der Abreise am Flugzeug den Wagen des Ferienhäuslers und stellen ihn bis zur Wiederankunft (mit Wartungsvertrag!) in eigenen Garagen ab. Anruf genügt, Fax auch, und man wird mit dem eigenen Auto abgeholt und hat es wieder zur Hand.
Alles in allem jedoch ein sehr kostspieliges Unterfangen.
Inzwischen gibt es aber auch schon günstige Zugverbindungen, so wird jedenfalls gesagt. Zum Beispiel ab Berlin mit dem ICE, umsteigen in Mannheim, nach insgesamt nur siebzehneinhalb Stunden Ankunft im Süden Frankreichs.
Hart kalkulierende Frankreichtrotters nehmen ab Berlin den Linien-Nachtbus, jeden Abend ab ZOB, alle vier Stunden dreiviertel Stunden Pause, Ankunft gegen neun Uhr morgens am Gare du Nord in Paris.
Ein lockeres Frühstück kann folgen, dann mit der Métro zum Gare de Lyon und mit dem (reservierten!!) TGV nach Süden. Aber auch das ist keine der bequemen Lösungen für Reisende mit mehr als einem Koffer. Mitfahrzentralen bieten zwar häufig Gelegenheiten an, aber Day and night im KfZ ist auch nicht jedermanns Sache.
Kurz, wie bei fast allen Dingen im Leben ist auch bei der Reise in die zweite Heimat so oder so Gelassenheit vonnöten, sonst muss sich, angekommen, mindestens zwei Tage schlummernd ausgeruht werden.
So fragte denn auch ein Kollege mal scheinheilig, jetzt habt ihr da so ein Haus in Südfrankreich. Und nun kommt ihr da an. Was macht ihr denn dann da?
Gute Frage, der Mann kann es ja auch nicht wissen, fährt er doch erst seit 25 Jahren zu Ostern immer nach Graubünden, zum Skifahren. Dies und das, haben wir geantwortet, erstmal Fenster auf, Himmel, Luft und Düfte genießen, die Terrasse wiedererobern und einen Herzschrittmacherschluck nehmen, wg. Seligkeit. Das scheint ihn nachdenklich gemacht zu haben. Warum sonst hätte er sich jetzt im Brandenburgischen eine Schrebergartenlaube pachten sollen.
Ja, und bei den Vorbereitungen für die Rückfahrt, oh, da kann man Versierter Packer noch was lernen. Die Dänen beispielsweise, die mit dem Renault Alpine, die haben zwar ein Fachgeschäft für Wolle und Stricken in Kopenhagen, aber nur ganz wenig Platz in ihrem schnellen Auto.
So stopft also Wille die frische geschorene Schafwollen, die streng riechend ungewaschene, in stabile Kunststoffsäcke. Aus denen zieht er mit der Vakuumpumpe des Renaultmotors die Luft, und - schwupps - hat er handliche, brettharte Wollpäckchen, die getrost hinter den Sitzen verstaut werden können.
Einmal allerdings kam er von Dänemark mit einer Schiebekarre auf dem Dachgepäckträger seines Sportwagens. Ich finde, da haben sie ein klein bisschen übertrieben.
Der ruhigere Jürgen aus Hamburg dagegen kommt immer mit einem Hänger an seinem etwas älteren Mercedes-Diesel ins Dorf. Er bringt schon mal Brennholz mit. z.B. die fachgerecht zerlegte Birke aus Tante Mattis’ Garten an der Elbchaussee. Zurück ist der Anhänger stets schwerer beladen. An die vierhundert Flaschen Merlot oder Carbernet zieht er dann nach Norden. Schneller als 100, 110 fahre ich sowieso nicht, brummelt er und die Leute warten schon auf ihren Wein. Man soll ja Gutes tun. Und außerdem hat er auf diese Art die Kosten für Kraftstoff, Maut und eine Übernachtung im Drei-Sterne-Hotel nebst Speisen und Getränken bei weitem wieder raus. Der Hanseat denkt praktisch und kaufmännisch.
Was aber ist, wenn der Aufenthalt im Dorfhause dann mal länger dauern darf, so einige Monate, vielleicht auch Jahre? Für die Küche ist schon eine gute Ausstattung notwendig, ein solides Bett auch und Bücher und Musik.
Überraschend gute Kleidung aus europäischen Sammelgebieten ersteht man in der nahegelegenen Friperie zu günstigen. Preisen. Auch schon mal das nur einmal getragene Tweedsakko oder den englischen Regenmantel. Viel braucht der Mensch ja nicht.
Nur Strom und Wasser sind teuer, und wenn man ein Telefon glaubt haben zu müssen.
Die Ausstattung bleibt dann dort, auch die Lederjacke und der dicke Pullover.
Nichts wird wieder mit zurückgenommen, weder im Auto noch in Koffern. Schließlich will man ja jederzeit zu Hause ankommen können.
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