Runter kommen sie immer
Europa wächst zusammen, so hört man Politiker schwadronieren, und keiner weiß so ganz, was damit gemeint ist.
Nimmt man günstigstenfalls an, die meinen, dass die Verkehrsverbindungen besser und die Reisezeiten kürzer geworden wären, dann begeht man einen Irrtum. Jedenfalls, was die Flug- und Zugverbindungen von Berlin nach Südfrankreich angeht.
Die Flüge gehen nach wie vor fast ausnahmslos über Paris, wo man dann den Flughafen wechseln muss. Will man das nicht, dann muss man in Frankfurt die Gesellschaft wechseln. Wer das alles nicht will und vielleicht auch noch gute Freunde da unten hat, die einem ein Auto leihen für einige Tage, dann gibt es Alternativen.
Zum einen könnte man abends vom Busbahnhof losfahren, nach einer bequemen Tour in einem komfortablen Bus und von gutem Service verwöhnt, am nächsten Morgen am Gare du Nord in Paris ankommen, frühstücken, die Métro zum Gare de Lyon nehmen und mit dem reservierten(!) TGV Richtung Süden sausen. Wie man von dem jeweiligen Zielbahnhof in den Ort seiner Träume dann kommt, das ist ein anderes Problem.
Oder man vertraut sich der belgischen Fluggesellschaft SABENA an. Die fliegt von Tempelhof über Brüssel nach Marseille, zu wohlfeilen Konditionen, finanziellen zumindest.
In der Regel allerdings dauert der Aufenthalt in der belgisch/europäischen Stadt erheblich länger als vorgesehen, in der Regel kommt das Flugzeug verspätet in Marseille an, und in der Regel ist das Gepäck nicht auffindbar.
Für den Rückflug gilt die umgekehrte Reihenfolge. Ein freundlicher Botendienst bringt die Koffer meistens ein, maximal zwei Tage später an die angegebene Adresse, versehen mit einem kleinen Geschenk.
Von diesen Geschenken haben wir inzwischen acht. Es sind diese sogenannten Kulturbeutel, weiß für Madame, schwarz für Monsieur, mit Seife, Shampoo, Handtuch, Parfum und T-Shirt, wirklich nett.
Aber warum nur bekommt man die immer erst später mit dem Gepäck und nicht gleich am Flughafen ausgehändigt?
Eine Mitarbeiterin der Air France übersetzte SABENA charmant lächelnd mit „such a bloody experience never again!“ Bei dem attraktiven Tarif?
Selbstverständlich könnte man auch über eine Mitfahrzentrale nach Süden reisen, doch ist das eher ein Unternehmen für jüngere Menschen. Nie weiß man, wer auf welche Art einen Kraftwagen lenken wird, ob der Fahrer/die Fahrerin weltrekordlerische Ambitionen hinsichtlich der Zeit und der zurückzulegenden Wegstrecke hegt. Auch Rauch oder das Bedürfnis nach Schlaf oder Gespräch können zum Problem werden.
Attraktiv ist natürlich der Preis für die Mitfahrt, und manche Automobilbesitzer lassen sich auch mal am Steuer ablösen. Und von Freund- und Liebschaften, die aus Mitfahrgelegenheiten entstanden sind, ist auch schon berichtet worden.
Bleibt die gute alte Eisenbahn. Die Deutsche Bahn AG versucht, das Ihrige, Preise, Komfort und Reisedauer, überzeugend zu gestalten, doch häufig bleibt es bei dem Versuch.
So kann mit dem ICE von Berlin bis Mannheim gedüst werden. Dort wird in den Liegewagen umgestiegen und am Morgen erreicht man ausgeschlafen und gefrühstückt Avignon oder Nîmes. So ist das geplant, und so funktioniert das auch. Zumindest meistens.
Nicht aber bei schweren Regenfällen. Dann wird der neue Gleiskörper des ICE nämlich ganz schnell unterspült, der Zug wird ganz vorsichtig nach Frankfurt rückwärts gefahren, dort bietet die Bahn Busse bis nach Straßburg an, dann steigt man in einen französischen Zug, der erstens durch heimfahrende Soldaten überbelegt ist und zweitens äußerst gemächlich durch die Lande trödelt.
Wenn man Glück hat, ist man nach 27 Stunden mit Bussen und Bahnen von Berlin nach Nîmes gekommen.
Urlaub kann erst beginnen, wer sich davon erholt hat.
Den meisten Reisenden aber fehlt die Zeit, beschaulich und in Ruhe und Gelassenheit zu fahren: Die Ferien sind immer zu kurz.
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