Savoir Vivre
G. hatte schon von Haus aus unwiderstehliche Sehnsucht nach Frankreich, nach Westen. Sozusagen mit der Muttermilch eingesogen, denn sie ist in dem ehemaligen Ostpreußen auf die Welt gekommen, und sie mußte mit ihrer Mutter und der älteren Schwester fliehen. Immer weiter nach Westen.
Im Saarland haben sie dann eine neue Heimat gefunden, damals, der Vater seinen alten Beruf, und die Kinder mußten in der Schule die französische Sprache lernen.
Diese entbehrungsreichen Zeiten haben G. nachhaltig geprägt: Mit knapp neunzehn Lenzen machte sie nach Frankfurt, studierte Philosophie, Germanistik und - richtig - Romanistik.
Da sie sich vorher mit den Eltern überworfen hatte, mußte sie ein karges Studentenleben mit Einkünften aus Putztätigkeiten finanzieren. Vater hatte es abgelehnt, sie weiterhin zu unterstützen, hatte er das doch an die Bedingung geknüpft, dass G. als Jungfrau eine Ehe schließen solle.
(Diese Auflage hat in späteren Jahren dazu geführt, dass G. nicht mehr umhin konnte, sich einer Psychoanalyse zu unterziehen, was für ihren weiteren Lebensweg nicht folgenlos bleiben sollte.).
Nun, G. stellte durchaus erfolgreiche Studien an, vertiefte ihre Kenntnisse durch praktische Übungen in Paris, Dijon, Lyon und Berlin, reüssierte mit einem akademischen Grad und ging dann, nachgerade lebensperspektivisch, für einige Jahre als Lehrbeauftragte an die Universität von Montpellier. En passant und in den Ferien schwärmte sie hingerissen von den jungen Franzosen, den schwarz gelockten, und vom Mythos der Provence.
Ein Problem, neben ihrer urplötzlich getroffenen Entscheidung zu heiraten, war, dass die Welschen ihre Examina nicht anerkannten, trotz Europa, trotz hervorragender Sprachkenntnisse.-
Jedenfalls heiratete sie einen Lehrer aus Südfrankreich, zwar weder gelockt noch jung, aber einfühlsam und von humorvoller Wesensart. Und als späte Erstgebärende brachte sie ein entzückendes Mädchen auf die Welt, ein Kind, das inzwischen bilingual ihren Eltern virtuos paroli bieten.
Mit der ihr eigenen Unerbittlichkeit hat G. dann Schritt für Schritt die französischen Examina nachgeholt, ist inzwischen ebenfalls Lehrerin geworden und fühlt sich mit Gatte und Tochter im rosenstock überwachsenen Haus in der Nähe von Montpellier glücklich und halbwegs zufrieden.
So wie’s sein soll, ruhig und normal.
Aber wenn G. nicht gefordert wird, fühlt sie sich gelangweilt. So hat sie neben Ehemann, Tochter, Schule, Haushalt noch einige Kleintiere angeschafft, Schildkröten und Echsen, und nebenbei hat sie die öffentliche Bibliothek des Dorfes mit Spenden und unermüdlichen Einsatz zu einem Kleinod des départements gemacht. Darüber hinaus empfangen sie gern Gäste, Europäer aus allen Nationen, die werden nach Landessitte und kunstfertig herzlich und köstlich bewirtet.
Hin und wieder nimmt G. auch Kontakt mit in der Gegend verstreuten compatriots auf, einmal besonders gern, als wir unsere alte Freundin R. zu Besuch hatten, die auch aus Ostpreußen stammt, mit ihren achtzig Jahren noch immer unerschüttert im Widerstand ist, und die auch stets mit Vergnügen interessante neue Menschen kennenlernt.
Nun G. lud uns alle zum Essen auf die Terrasse ein, spätsommers. Und es gab Spezereien der Region, amuse-gueules, gute Weine und - natürlich - ein Hauptgericht.
Dieses Hauptgericht duftete inzwischen sehr nachdrücklich aus dem Backofen, denn G. hatte während der Vorspeise nicht nur einen Anruf aus Paris erhalten, wg. neuerlicher Examensvorbereitungen, sondern auch einen von daheim, von ihrer Mutti. Und das Gespräch hatte sich ein wenig länger hingezogen als vielleicht beabsichtigt.
Jedenfalls war die Kruste doch sehr dunkelbraun, als der Gatte salopp servierte. Ein richtiger falscher Hase war’s, ein Hackfleischbraten, aus deutschen Landen wohlbekannt, und innen aufs Entzückendste mit hartgekochten Eiern und sauren Gurken gespickt.
Wir haben uns prächtig amüsiert und mit Appetit gegessen.
Wie G. diese Innenfüllungen so überaus grazil in diesen gewaltigen Hackbraten praktiziert hat, und vor allem, wann sie das alles gemacht hat, das haben wir nicht erfahren.
Aber sie will es uns verraten. Ein andermal.
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