Die Spur der Steine
Der Maurer im Dorf ist ein begnadeter Handwerker. Er sieht sich die zu bearbeitenden Wände, Terrassen, Rundbögen usw. an, kneift die Augen zu, überlegt einige Augenblicke und sagt dann meist: mach bar ist alles. Und wenn er es machen will, dann wird das auch was, da kann man sich drauf verlassen. Er hat so eine mystische Beziehung zu den alten Steinen und Gemäuern, fährt mit schwieligen Händen die Ecken und Kanten ab, und wenn dann die Restaurierung abgeschlossen ist, dann ist jeder überzeugt, das habe schon immer so ausgesehen.
Nun, wenn ein Haus wieder mal fertig gestellt ist, so wie letztlich das schöne Anwesen des Belgiers, dann arbeitet der Maurer mit dem Gärtner, der sich gern Landschaftsgestalter nennt, eng zusammen. Der säubert den Vorplatz, den Garten und legt neuen Rasen an, pflanzt Büsche und Bäume und gibt dem ganzen den letzten Schliff.
Der Belgier ist ein sehr wohlhabender Mann, beleibt und guter Dinge. und er ist in zweiter oder dritten Ehe mit einer sehr charmanten Französisch verheiratet, die an die dreißig Jahre jünger ist als er. So erzählte der Maurer eines Tages vom Gärtner, der, immer höflich, dem Belgier ein Kompliment machen wollte, schließlich muss man seine Kunden pflegen. Also, hätte ihm der Gärtner berichtet, ich war fast fertig mit dem Rasen, da habe ich zu dem Belgier gesagt, Monsieur, habe ich gesagt, Sie haben aber eine äußerst charmante Tochter.
Beim Erzählen mußte unser Maurer so lachen, dass ihm die Tränen in den Augen standen. „Nein“, hätte der Belgier geantwortet, „oh nein, das ist nicht meine Tochter, das ist meine Frau!“ Und auf diesen Schock hin hätte der Gärtner sein längst überwunden geglaubtes Stottern wieder angefangen, sogar noch immer, als er ihm die Geschichte berichtete. „Ich g-g-g-glaube,“ hätte er gesagt, „an d-d-d-em Tag habe ich einen sssehr g-g-guten jo-jo-job verloren.“
Hat er aber nicht, denn der Belgier ist ein umgänglicher Mann und außerdem stolz, wenn man im Dorf ihn als - Donnerwetter! - ganz tollen Hecht ansieht.
Überhaupt die Belgier. Dutzende von ihnen haben so vor einigen zehn bis zwanzig Jahren den Bauern um das Dorf liegende Bauland für ganz niedrige Preise abgekauft, so viel etwa, dass den Kindern mal zu Weihnachten ein Fahrrad gekauft werden konnte. Es gibt inzwischen eine veritable Belgierkolonie westlich oberhalb des Dorfes. Alles neue Häuser, vom Feinsten, mit Schwimmbecken und faszinierenden Ausblicken auf die Landschaft, manchmal bis zum Mont Ventoux.
Einer ist später, viel später auch zur Belgierfraktion gestoßen, er wollte aber kein neues Haus in der Kolonie oben bauen, sondern er hat das alte Herrenhaus, besser denn Ruine gekauft, die das ganze Dorf charakterisiert. Dieses Gebäude liegt auf der Spitze des Hügels. Bisher hatte sich niemand daran gewagt, denn wie man weiß, muß man mit mindestens dem doppelten Kaufpreis für die Restaurierung rechnen. Das wär dann eher etwas für Millionäre.
Im Bistro nun wird behauptet, er sei einer, unverheiratet dazu und hätte das ganze Haus restaurieren lassen, u seiner Mutti im Alter doch noch eine Freude zu machen. Der Belgier hätte sein Vermögen mit Chicorée verdient, angepflanzt auf riesigen Plantagen, aber nicht in Belgien, sondern in Kolumbien. Mag ja sein. In Kolumbien herrscht ja für so viele Pflanzen ein ausgesprochen fruchtbares Klima.
Wie dem auch immer se, dieser gute Mann hat am Eingang zu seinem inzwischen luxuriös wiederhergestellten „mas“ ein nicht zu übersehendes Emailleschild angebracht, das diese Adresse als Niederlassung und Verbindungsbüro einer weltweit operierenden Hilfsorganisation ausweist, die ihren Namen nach einem Ritterorden, der auf einer Mittelmeerinsel ansässig ist, führt.
Als auf einem Dorffest zu vorgerückter Stunde ein auch im Dorfe ansässiger Deutschschweizer den belgischen Herrn durchaus angelegentlich und ernsthaft fragte, ob sich das denn steuerlich positiv verbuchen ließe, dieses Verbindungsbüro, ob sich das denn „rechne“, da erbleichte der Belgier, hakte sich am Arm seiner Mutti ein und verließ, wenn auch notgedrungen mit kleinen Schritten, so doch zielstrebig den Festplatz.
Dieser Deutschschweizer hat an dem Abend noch politische Grundsatzvorträge gehalten, die zwar weniger das Interesse der Bewohner fanden, bei den Zugereisten jedoch Staunen und Kopfschütteln hervorriefen. Er regte sich rotgesichtig über die seiner Meinung nach ständig klagenden und larmoyanten Bewohner der neuen deutschen Bundesländer auf und meinte, wenn die der Ansicht seien , es ginge ihnen schlecht und sie seien so arm dran, dann würde er sie doch gern mal in ein afrikanisches Land schicken, zum leben und arbeiten. Dann würden die endlich mal begreifen, was es heißt, arm zu sein und keine Perspektive zu haben, jawohl, oder?!
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