Stilsicherheit
In Fragen der Wohnungseinrichtung und der Kleiderordnung sind manche Menschen sehr empfindsam und konsequent.
Hin und wieder jedoch trifft man auf Zeitgenossen, denen die Sicherheit in Stil-
und Geschmacksfragen nicht unbedingt in jeder Hinsicht gegeben ist .
Eine davon ist Danys Freundin, eine Psychoalalytikerin, weitgereist, vielsprachig, weltgewandt und nicht unwohlhabend.
Madame reiste viel und, zurück in Frankreich, berichtete gern und viel von den Mirakeln und Wundern ihrer Trips. Alle hörten gern von fernen Ländern, betrachteten bewundernd ihre Fotos und waren doch innerlich froh, am Mittelmeer bleiben zu können.
Das kleine Problem besagter Analytikerin war, sie nahm stets überaus umfangreiches Gepäck mit auf ihre Reisen, mindestens zwei Koffer, eine Reisetasche und einen Rucksack. Sie wollte halt für alle Wechselfälle gerüstet sein.
Nach Jahren hatte sie beschlossen, sich nun doch ein Haus im Dorf zu kaufen und sich fest einzurichten. Dieses Pendeln zwischen München und Südfrankreich war ihr zu viel geworden.
Den unübersichtlichen Einrichtungsvorstellungen und der halsstarrigen stilistischen Vielfalt von Madame begegnete Dany bewährt virtuos, stand doch ein großzügiges budget zur Verfügung.
Sie ließ von unterschiedlichen Möbel- und Einrichtungshäusern Schränke, Regale, Teppiche und accessoires kommen, arrangierte und rückte geschickt hin und her, dekorierte da ein wenig und setzte dort ins Licht, bis sie und schließlich auch ihre Freundin überzeugt und es zufrieden waren: Maison, Terrasse et jardin, schöner wohnen in der Provence.
Das ging eine Weile sehr gut, lag wohl auch an den vielen Menschen, denen nun unbedingt das Haus gezeigt werden mußte, doch eines Tages wollte Madame wieder reisen, nach Asien, zur Erhellung.
Sie holte ihre Koffer vom Boden und begann zu packen, same procedure wie immer.
Das nun forderte Dany erneut als Freundin und Beraterin auf den Plan. "Du brauchst", versuchte sie die Psychonalytikerin zu überzeugen, "du brauchst im Grunde nur deine Reisetasche! Nimm Sachen mit, die gut zu kombinieren und leicht zu waschen sind. Mehr brauchst du wirklich nicht!"
Nach anfänglichem Sträuben hatte Dany ihr die Reisegarderobe zusammengestellt und ihre Freundin angehalten, jedwede Kombinationsmöglichkeit auszuprobieren.
Das dauerte.
Doch die erfindungsreiche Dany fertigte von ihrer Freundin in jeder Kombination ein Polaroidfoto an, steckte diese ihr zu und sagte fein lächelnd, so sei sie schließlich für jede Situation unterwegs perfekt vorbereitet.
Gestählt an Körper, Geist und Seele und nahtlos gebräunt kam die Analytikerfreundin nach drei Monaten heim ins Dorf.
Wir saßen beklommen dabei, als sie mit irgendwie funkelnden Augen entschlossen zu Dany sagte:"Ich kann das jetzt alles auch allein. Unsere Freundschaft habe ich endgültig verarbeitet, ich stehe jetzt auf meinen eigenen
Füßen. Mach's gut, Dany."

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