sweet sweet music
Es gibt im Dorf auch eine Anzahl Briten, unterschiedlicher Herkunft und durchaus unterschiedlich in ihrer jeweiligen Lebensgestaltung. Häufig handelt es sich bei den Herren um ehemalige Militärs, royal air force und so, in aller Regel trinkfest und mit schwarzem Humor begabt. Die Damen tragen harte blaue Dauerwellen und sind einfach da, salonmäßig.
Andere, auch kinderreiche, kommen entgegen den Beschriebenen, ganzjährig residierenden und ihre Pension verzehrenden, dann nur im Sommer oder auch mal zu Weihnachten oder Ostern.
Nun, die Millers hatten ursprünglich das Haus gekauft, komplett ausgestattet. Vorher hatte es einer alten Dame aus den Vereinigten Staaten, Ostküste, gehört, einer Rechtsanwältin, deren Sohn mit einer Französin verlobt war, und die zusammen im Dorf ein Sommerhäuschen hatten.
Aber die Beziehung ging dadurch zu Ende, dass dieser Sohn der Amerikanerin an einer schrecklichen Krankheit starb. Und da wollte seine alte Mutter in der Nähe seines Grabes sein, denn er ist auf dem Dorffriedhof begraben, mit einer bronzenen Gedenktafel wg. Vietnameinsatz. Jedenfalls hatte sie dann damals eine Ruine gekauft und vollständig wiederherrichten lassen. Auch innen, mit zwei Bädern, Bibliothek, Gästezimmer und amerikanischer Küche, Geschirrspüler und Waschmaschine.
Die Rechtsanwältin sprach ganz ausgezeichnet Französisch, konnte sie doch auch Latein. Aber mit einem so gottserbärmlichen Akzent, dass kaum jemand im Dorfe sie verstand. Das hat sie sehr gekränkt, und sie suchte mehr und mehr den Kontakt zu anderen Zugereisten und Leuten, die eher den elaborierten code pflegten. Das änderte aber nichts daran, dass sie zunehmend wunderlicher wurde, bei Nacht aus dem Nachbargarten hinter ihrem Hause wahrhaftig Stimmen zu hören schwor, und schließlich, völlig entnervt, ihr komplettes Häuschen, eingerichtet von A bis Z nebst kleinem Peugeot zu einem lächerlichen Preis verschleuderte und wieder in die USA zurückkehrte. Außerdem hatte sich die ehemalige Verlobte ihres Sohnes inzwischen einem Franzosen, einem Landvermesser, liebevoll zugewandt und bereits zwei Kindern das Leben geschenkt. Nun, die französischen Nachbarn kauften das Haus der Amerikanerin nebst kleinem Peugeot, schenkten ihrer Tochter zum Baccalaureat eben diesen und boten das Haus mit einem Aufschlag (man sagt im Dorfe, sie sollen verdammt gut verdient haben) in England zum Kaufe an.
Also Millers aus London kauften es dann, aber weil es Millers allein, wenngleich sehr klein für drei Personen, so doch zu teuer war, teilte man es mit Mister Millers Schwager und dessen Frau.
Mister Millers Schwager und Frau haben keine Kinder. Meist ist es so, dass sie abwechselnd kommen, aber in manchem Sommer waren beide Familien und einige Freunde, auch Spielkameraden von Millers Tochter in dem kleinen Haus, und des Morgens quollen bei Gott bis zu sechzehn Personen daraus hervor.
Das Rührende, wenn Millers ankommen, und noch mehr, wenn sie mit den Verwandten akommen, ist immer, wirklich immer, dass Frau Miller es sich erst erstmal auf der Außentreppe bequem macht, die Boxen ihrer Musikanlage aufstellt, einen Kanister (5 Liter, man kauft im Dorf den Wein lose beim Winzer) bedachtsam öffnet, sich umsichtig ein Gläschen einschenkt, es gegen die Sonne hält, des Funkelns wegen, und dass sie dann für die nächsten zwei Stunden die Musik aus den good old days hört, Joan Baez und Bob Dylan, auch in umgekehrter Reihenfolge.
Schön und gut, aber in diesem Teil des Dorfes liegen die Häuser wirklich so dicht beieinander, man kann fast zum anderen rüberspringen, und das heißt, es entsteht ein solch fulminanter Klang, dass an Unterhaltungen, siesta oder gar konzentrierte Arbeit, nicht mehr zu denken ist.
Die anderen Familienmitglieder und auch Freunde schließen sich der Attacke auf den Weinkanister liebevoll an, und es wird immer fröhlicher. Einer hatte mal oben vergessen, das Badfenster zu schließen, und unser Besuch, die Gaby, schrie aufgebracht: Kuck dir das an! Das Schwein pisst im Stehen und er wäscht sich noch nicht einmal die Hände danach!
Doch nach dem ersten Tag werden die englischen Nachbarn ruhiger, es sind gebildete Leute, Akademiker, die wissen, was sie anderen nicht zumuten können, die entweder am nächsten Morgen arbeiten müssen oder auch mal schlafen wollen.
Dann brechen sie auf und machen in Kultur, Pont du Gard, Papstpalast in Avignon oder auch mal family life am Strand.
Das mit dem Stimmenhören hat sich übrigens dann aufgeklärt: Dieses Haus hat eine Entlüftung nach außen, durch die hintere Wand, in den Garten der Nachbarn, dachte man. Aber die geht nicht in den Garten, sondern in das Pumpenhäuschen für den swimming pool des anderen Nachbarn, ebenfalls ein Brite.
Und dann und wann spielen dessen Kinder schon mal in diesem Häuschen, legen die Ohren an das Entlüftungsgitter oder tönen mit Grabesstimmen „Huhu“ dadurch, auch schon mal „we are coming to take you away, hoho.“ Kontakt gibt es zwischen diesen englischen Nachbarn nur noch über die Kinder, wenn sie zusammen Ball über die Wand spielen.
Am liebsten zwischen 12 und 15 Uhr, auch sonntags.
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