Tischlein deck dich
Viel braucht der Mensch ja nicht, schon gar nicht im Süden, wenn er ein Dach überm Kopf, ein Bett, einen Ofen, einen Stuhl, vielleicht zwei oder drei, und einen Tisch hat.
Und an eben jenem gebrach es den beiden, die über die Jahre es geschafft hatten, das Erdgeschoss der Ruine wirtlich auszubauen: ein Zimmer, Küche und Bad.
Freilich könnte man ein ganzes Leben lang eine auf Böcken liegende Platte als Tisch nutzen, zum Essen, Trinken, Schreiben und so weiter, doch mit den Aufgaben wachsen die Ansprüche.
Kurzum, ein richtiger Tisch musste her, so einer mit Schublade und ohne gedrechselte Beine, ein alter, in das alte Haus passender Tisch sollte es sein, gebraucht.
Montags ist in Nîmes immer brocante auf der avenue Jean Jaurès, Edeltrödelmarkt, sozusagen. Der „richtige“ Trödelmarkt findet am Sonntag ab spätestens sieben Uhr früh auf dem Parkplatz am Stadion Costières statt. Nun war der Sonntag schon fast vorbei, Patricia ohnehin für eine Woche in deutschen Landen, also fuhr Thomas am nächsten Morgen mit dem alten Simca-Kombi nach Nîmes, ganz allein in der Verantwortung, einen wirklich überzeugenden Tisch zu besorgen.
Das Publikum auf diesen Brocantemärkten ist gediegen kosmopolitisch, in der Regel nicht unvermögend und in der Frage von Stil und Ambiente empfindsam auf die Empfehlungen der einschlägigen Fachzeitschriften („maison et jardin“) eingestellt. Sollte man etwas Passendes finden, dann muss man nicht nur gut Französisch parlieren können, man sollte auch Geld dabei haben, große Scheine am besten, um sie dem Händler zu zeigen. Das Angebot war erschreckend langweilig, uninteressant und zum Teil noch dazu nachlässig bis laienhaft restauriert, berichtete Thomas, bis er dann plötzlich seinen Tisch bemerkte, genau so, wie er ihn sich vorgestellt hatte. Ca. 110 auf 60 Zentimeter, keine Verschnörkelungen und - mit einer Schublade!
Das ganze Möbel war staubig und auch Spinnweben hingen noch daran, kein schlechtes Zeichen. Die Platte und die Beine voller Gebrauchsspuren und obendrauf ein großes Schild: 450 Francs, handgemalt.
Das Handeln ‘runter auf 300 Francs ging erstaunlich fix, erzählte Thomas, eigentlich zu schnell. Ja, sie würden ihm dann in einer Viertelstunde den Tisch zum Auto bringen, versteht sich, kein Problem.
Und das machten die beiden Männer dann auch. Tischplatte nach unten, schoben sie ihm das Möbel in den Simca und Thomas fuhr aufgeräumt zurück ins Dorf.
Nachbarn halfen beim Ausladen, sie stellten den Tisch in die Küche ans Fenster und Thomas wollte gerade Schleifpapier holen gehen, als er entgeistert auf die Platte starrte:
Just dort, wo der große Zettel mit dem Preis gelegen hatte, prangte der wunderbare Brandabdruck eines Bügeleisens, klar im Umriss, holzkohlenschwarz und ungefähr 1,5 Zentimeter tief.
Nach dem ersten Schock mussten alle herzlich lachen, stützten die Hände auf den Tisch, nahmen gern den von Thomas kredenzten Pastis und machten die abenteuerlichsten Vorschläge, welche Lösungen man finden könnte. Pierre hatte ein Gesamtkunstwerk im Sinn, er wollte den Abdruck mit rotem Kunstharz ausgießen. Danielle schlug vor, von unten ganz viele Nägel durchzuschlagen, auch ambitioniert. Bernard meinte, es sei das Beste, die Stelle noch tiefer auszuhöhlen und zum kollektiven Aschenbecher zu erklären.
Thomas lieh sich kurz entschlossen von Ali den Bandschleifer und hat dann den ganzen Nachmittag den Tisch bearbeitet. Erfolglos.
Am Abend wurde er dennoch mit einem Imbiss eingeweiht, Wurst, Käse, Baguette und der Korkenzieher aus der Schublade.
Patricia einige Tage später dagegen strich wie eine Katze um das Möbelstück, murmelte was von abbeizen und restaurieren, fasste Thomas um die Schultern und lächelte mit dieser so entwaffnenden weiblichen Nachsicht. „Lass uns am kommenden Sonntag nach Barjac fahren! Du weißt ja, da ist jedes Jahr Ostern dieser riesige Trödel- und Antiquitätenmarkt.“
Thomas nickte beklommen, bugsierte den Bügeltisch unters Fenster im Schlafzimmer, legte gewissenhaft einen Tischläufer darüber und stellte auf die Delle eine Blumenvase. Wohnlich, dekorativ, aber nutzlos.
Und dann fuhren sie nach Barjac, diese kurven- und serpentinenreiche Strecke Richtung Cevennen, und es war ein herrlicher Sonnentag, und es passierte das, was selten passiert: Beide, Patricia und Thomas, blieben gleich hinter dem Haupteingang zum Markt, der ja fast den gesamten Ort ausfüllt, stehen. Beide starrten entzückt auf eine kleine Nussbaumkommode, schauten sich an und lächelten. Das, genau das war sie, die kleine Kommode, die in der Küche noch gefehlt hatte. Und im Nu waren sie wieder in Verkaufsgesprächen, im Handeln. Die Kommode wurde erstanden, und nach dem dritten, langsamen Rundgang hatten sie denn auch „ihren Tisch“ gefunden, einen original Bistrotisch, der aussah, als hätte er schon immer neben dem Nussbaumkommödchen gestanden und sowieso in ihrer Küche. Der Händler ließ nur ungern den Preis ein wenig nach, räumte dann aber entschlossen die vielen feinen Trinkgläser ab, strich den Scheck ein und wünschte „bonne chance“.
Der Terrakottafliesen, die kleine Kommode, der Bistrotisch - alles fügte sich aufs schönste in ihrem Erdgeschoss zusammen. Es wurde gerückt, Staub gewischt und arrangiert - ein überzeugendes Ensemble.
Und auch die Nachmittagssonne strahlte großzügig ins Fenster, tauchte die Möbel in warmes Licht, Patricia ordnete die Blumen, als sie plötzlich den Thomas am Arm heranzog, den Kopf schief legte und stumm auf die Tischplatte deutete.
Unter der matt schimmernden Politur konnte man im Licht der Sonne undeutlich den Umriss eines eingebrannten Bügeleisens erkennen.
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