Wasser tut’s freilich auch
„Ein echter deutscher Mann mag keinen Franzosen leiden, doch ihre Weine trinkt er gern“, spricht der Student Brander in Goethes Faust I, Auerbachs Keller, doch diese Einstellung hat sich gründlich verändert. Es sind inzwischen auch jene, mit denen so recht kein Staat zu machen ist, die heutzutage eben nicht nur die französischen Weine, sondern auch und besonders die nämlichen Menschen und Landschaften gern mögen.
Wer je in Frankfurt, München, Hamburg oder Berlin gelebt hat, weiß, dass übers Jahr verteilt, immer gern alte Freunde nebst Gattinnen oder Begleiterinnen mal vorbeischauen, en passant sozusagen, Zwischenstation auf weiterer Reise.
Aber wenn dann jemand ein festes Domizil im Süden Frankreichs hat, also, da wollte doch ein jeder gern, sehr gerne vorbeikommen, nur für ein paar Tage, versteht sich, höchstens eine Woche.
Und so ist es. Wer ständig als ehedem stadtgewohnter Europäer nun in einem kleinen Dorf da unten wohnt, den kann schon mal der cafard ankommen, die Melancholie und die Sucht nach den sumpfigen Giften der Großstadt, Neonlicht und Dotterblumen aus Plastik.
Und dann freut man sich richtig, wenn mal einer schreibt oder gar anruft, er sei aufm Wege, ob er denn mal vorbeikommen ...
Kein Problem, im Gegenteil, mit offenen Armen, mi casa su casa!
Das war zu der Zeit, als Rainer ganz allein zu Hause war, bewusst und entschieden. Seine Frau Sabine hatte sich ihren alten Traum erfüllt und war für einige Wochen außerhalb jeglicher Schul- und Universitätsferien in die weite Welt gefahren, allein, beherzt und zuversichtlich. In diesen fast zwei Monaten schien es, als hätten sich all die Kumpels aus den Jahren verabredet. Es kamen Briefe, Postkarten und Telefonate an, und wenn Rainer im Bistro auf sein etwas müdes Aussehen angesprochen wurde, sagte er immer, wißt ihr, ich habe Besuch. Mitfühlend wurde genickt. Jaja, höchstens drei Tage, dann ist Besuch wie Fisch, fängt an zu stinken ... Oh nein, gestunken hat keiner der lieben Freunde, gestunken nicht, aber jeder von ihnen war felsenfest überzeugt, nach all der Zeit nun tatsächlich der erste Besucher zu sein, der den langen Weg nach Süden auf sich genommen hat, um von den alten Zeiten und überhaupt zu sprechen.
Dabei war jeweils das Gästebett am Morgen erst wieder frisch bezogen worden und der Fußboden gewischt. Und alles war, wie’s sein soll, entweder Blick nach Westen in den unbeschreiblichen Sonnenuntergang, oder auf der Terrasse im Hof unterm Sternenhimmel, oder eben, an kühleren Abenden, am blanken Holztisch vorm Kaminfeuer. Eben so, wie man sich die Abende in Südfrankreich vorstellt, lau, Grillenzirpen und offenen roten Cabernet oder Merlot, sortenrein, direkt vom Winzer, in Tonkrug kredenzt. Wenn die Erinnerung all the girls wie used to love und die Segeltörns und die schwindelnden Höhen, die erklommen worden waren, damals, dann ganz deutlich wurden und so nah, diese nie erfüllten Träume von Freiheit und Abenteuer, dann wurde schon mal Moustaki bemüht, mit seiner „Gueule de mâteque“ oder auch andere, denen das Meer seine Visitenkarten gegeben hatte.
Und der Wein, der rote, ist nicht nur hervorragend dort und preiswert, sondern auch fürs Gemüt gut, so sagt man jedenfalls. Nach diesem „weißt du noch ...“ und „... erinnerst dud ich noch an ...“ ging’s häufig dann ans Eingemachte: Frau, Familie, Kinder, job. Und Vergleiche wurden gezogen,. Verbitterung auch darüber, dass Hubert als Marineoffizier mit 50 (fünfzig!) Jahren schon in Pension geht, andere Erfolg und Wohlstand und wieder andere ein richtiges Leben erreicht hätten, wild und gefährlich. Stell dir vor, mit Fünfzig!
Man kann das aushalten, sagte Rainer sich, man kann das wirklich aushalten, aber nicht ununterbrochen. Und so sagte er des einen Abends spät zu Günter: Morgen Frühstück um sieben. Danach Wandern wir durch die Garrigue.
Und das strengt an, selbst im Frühsommer, sechs Stunden bergauf und -ab zu wandern, zwischen Ginsterbüschen, Krüppelkiefern und diesem Duft der Kräuter der Provence.
Bevor man sich am Abend gegen 21 Uhr dann zur Ruhe bettete, sagte Günter schlicht, Ich wußte gar nicht, dass wir noch solch eine Kondition haben. Das machen wir noch mal, morgen über übermorgen.
Einmal war Wolfgang mit Weib und Söhnen angereist, auf Einladung, für die Osterferien. Er und Rainer saßen dann noch, die Damen und die kids bereits müde zu Bett, um übers Leben und überhaupt zu reden, als Rainer der entschiedenen Ansicht war, das nun sei der Abend, die 88er Flasche Chateau Neuf zu entkorken. Er bat Wolfgang, sie aus dem Keller, indem und dem Regal, zu holen, er selbst kümmerte sich um Brot und Käse. Um zum Flaschenwein zu gelangen, muß man die Treppe von der Terrasse hinunter und über den Hof in den Keller gehen.
Wolfgang nahm sich zeit, viel Zeit. Aschfahl betrat er wieder den Raum. „Du hast eine Ratte im Hof, Rainer“, stammelte er, „die hat mich angeguckt, ist dann über die Wand hoch gelaufen und hat gegrinst.“
Rainer freilich machte andere Wirkungen für Wolfgangs Zustand verantwortlich. Eine grinsende Ratte! Sowas. Das im Rathaus gratis erhältliche Gift, am nächsten Tage ausgelegt allerdings, war danach verschwunden.
Eine Ratte ist nie wieder aufgetaucht, doch wer in den Weinkeller geht, nimmt jetzt stets eine Stablampe mit auf den Weg.
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