Woody Hermann
Gebürtig ist er aus der Gegend um Marburg, Fußballfan, Familienvater und geregelte Verhältnisse, versteht sich, bis dass es dann zu viel wurde, diese Sonntagnachmittage und die zwo Bier, zwo Asbach zur Tagesschau. Hermann ist abgehauen, damals, als es sich wendete in Deutschland, hat zwar, wie er unter dem Siegel der chauvinistischen Verschwiegenheit mitteilt, noch die eine oder andere liebreizende Affaire mit einer, mit dem Westen zwar noch nicht ganz vertrauten, aber aus diesem Grunde besonders zutraulichen Maid verbracht, die Grenze, die ehemalige, war ja nicht weit.
Hermann war damals im Verlagswesen tätig gewesen, so Populäres und auch Belehrendes an den Mann zu bringen, das war ein Metier.
Wie gesagt, er ist dann abgehauen, mir nix, dir nix, in diese französische Gegend, von der die Rede ist.
Na ja, so 15 bis 20 Tausend wird er schon im Sack gehabt haben, immerhin, aber doch für seine Verhältnisse nicht ausreichend. Er hat jedoch sehr bald eine Behausung gefunden, über eine Versteigerung am Gericht in Nîmes, so ein Haus, wo die Leute nicht mehr das Geld für die Steuern hatten, in jeder Hinsicht ruinös.
Und das war für Hermann die kreativ-geschäftliche Herausforderung. Er kam nämlich im Herbst an, Ende September, und da kann’s im Oktober schon mal kühl werden im Süden.
Natürlich weiß man sich zu behelfen, mit Holzkohlefeuern, den arabischen, in der Tonschale, die die Luft zum Atmen nehmen, oder mit diesen Gasflaschenöfen, die so abstrahlen, dass man sich alles Mögliche verbrennt und trotzdem den Arsch abfriert.
Das war alles nichts für Hermann, den Perfektionisten. Schließlich muss es doch Möglichkeiten geben, wenn schon nicht komfortabel, so doch warm zu leben, das war in Hessen allemal möglich.
Also „kümmerte“ sich (dieses Wort haben sich die Hinzugekommenen inzwischen nachhaltig abgewöhnt) Hermann um andere Lösungen. Und in der Tat: Über kurze Zeit, auch durch die Lektüre einschlägiger Kleinanzeigen, hatte er die Bekanntschaft eines dänischen Pärchens gemacht, das seinerseits den Lebensunterhalt durch den semilegalen Import von dänischen Kaminöfen mehr schlecht als recht verdiente.
Neun Kilowatt, so versicherten sie Hermann glaubhaft, 9 KW würde der Kaminofen allemal bringen, mollige Wärme garantiert.
Tja, Hermann handelte den Kaufpreis zwar bis zur Schmerzgrenze ‘runter, fand auch einen Transporteur gegen einige Pastis, war aber am Ende, als es hieß, diesen Kaminofen in die erste Etage zu bringen, die Treppe wart viel zu schmal.
François, die gute Seele, dieser kosmopolitische Rassist, der ließ sich mal wieder breitschlagen. Er holte seinen Gabelstapler aus der Garage und praktizierte dieses gusseiserne Monstrum über Rollen und Wolldecken durchs Fenster ins erste Stockwerk (im Erdgeschoss war es dem Hermann zu dunkel und zu feucht, so sagte er wenigstens).
Nun stand es da, das teure Stück, schön anzusehen, aber kalt.
Und Brennholz ist teuer in Südfrankreich, teuer und meistens feucht. Was tun?
Hermann las - wiederum in einer Kleinanzeige -, es gäbe ganz ganz preiswert alte Weinstöcke zum Kauf, den Hänger um 1000 Franc. Was sind tausend Francs, wenn man friert? Und alte Weinstöcke - die sind doch trocken und abgelagert und überhaupt! Oder nicht?
Hermann hat den Weinbauer angerufen und sich um Zwei vorm Rathaus verabredet. Der Preis war klar, 1000 Franc für einen Hänger voll.
Der kam auch, auf die Minute, aber mit einem so gigantischen Anhänger, dass niemand mehr ihm sagen konnte, wie durch die alten kleinen Gassen des Dorfes zu rangieren. Raoul stellte Hermann - für 14 Tage! - seinen Hof zur Verfügung, aber in dieser Zeit müsse er - Hermann - die souches, die Weinstöcke, dann doch abtransportiert haben.
Die Brennbreite für den Kamin, den dänischen, beträgt ca. 50 bis 60 Zentimeter...
Gut, Julien hat ihm mit der elektrischen Säge beim Zuschnitt geholfen, aber dieser gigantische Anhänger hat sie zwei Tage gekostet, Ganz zu schweigen von der Transportiererei per Schubkarre vom Nachbarn in den Haushof.
Und während des Sägens kam Hermann auf die Idee, dass zwanzig bis dreißig Jahre Besprühen der Weinstücke mit Schädlingsbekämpfungsmitteln der Gesundheit so auch nicht zuträglich sein könnten, jedenfalls nicht beim Verbrennen.
Er hat den Winter überstanden, warm und trocken.
Spätschäden, sagt er, unter Spätschäden werden wir alle leiden, und er schiebt ein neues Stück Weinstock ins Feuer.
Die Ameisen aus dem Holz haben sich inzwischen ins Erdgeschoss verdrückt.
Hermann besitzt jetzt einen Verkaufsplatz für Brennholz. Er liefert auch an, kamingerecht.
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