Der Zahn der Zeit
Des morgens, wenn das Baguette, vielleicht auch das Pain au chocolat oder in Gottes Namen die Croissants vom Bäcker geholt sind, dann schauen wir schon mal gern im Bistro vorbei, vielleicht, um denn doch diesen unsäglichen ‘Midi libre’ zu erstehen (wegen des Tageshoroskops) oder doch eher um einen Petit noir vor dem eigentlichen Frühstück aus der Maschine zu genießen.
An jenem Morgen war alles ganz anders. Die Wirtsfrau kriegte den Mund nicht auf, bestätigte nurmehr nickend die Bestellungen und war ganz entgegen ihrer sonstigen Sonnenscheinfröhlichkeit doch etwas reservierter.
In solchen Situationen ist man ja auf das Schlimmste gefasst und versucht, teilnahmsvoll zu sein, man weiß ja nie.
Aber dann beim Café-Servieren lachte sie endlich wieder, ganz furchtbar lachte sie.
„Stellt euch vor,“ sagte sie atemlos, „stellt euch bloß mal vor, was mir passiert ist.“ Und dabei entblößte sie einen rosaroten zahnlosen Oberkiefer. Der kleine Hund, den wir seit voriger Woche haben, der hat am vergangenen Wochenende wie ein Baby am Schnuller unseres Enkels gesuckelt und hat wunderbar geschlafen. Heute nacht aber, und dabei hielt sie sich die Hand vor den Mund vor Lachen, hatte nacht hat das Vieh mein Zahnputzglas ausgesoffen und anschließend meine Oberkieferprothese zerbissen. Ist das nicht komisch? Und wieder lachte sie zahnlos, faltenreich und herzlich.
Das nun wieder brachte uns die Sache mit dem General in Erinnerung.
Der General ist gar keiner, wir nennen ihn nur so, der General ist schon seit ganz vielen Jahren Haus- und Gartenbesitzer im Dorf, hat auch ein Schwimmbecken und ist liebenswert freundlich. Der General also, und das erzählten wir der Wirtin, der war vor Jahren mal bei Nachbarn zum Apéritif eingeladen, worden, da gab’s Erdnüsse und Käsechips und eben auch Pistazien zum Knabbern. Und diese Pistazien, die kannte er nicht, nahm sie also in den Mund, schmecken ja ganz gut, so salzig, und wollte kauen. Unglücklicherweise aber hatte er vergessen, oder jedenfalls nicht mitgekriegt, dass man vorher tunlichst die Schalen, die harten, entfernt.
Er hat, so berichtete er glaubhaft, trotz dritter Zähne nur maximal drei Pistazien geschafft.

Und sowas kann der General wunderbar erzählen, dann leuchten seine Augen und er lacht „hoho“ eben wie ein General. Aber ist keiner.
Im letzten Krieg war er Soldat, Feldwebel oder sowas. Dann Gefangenschaft, Zwischenjobs und wieder Militär, Bundeswehr, diesmal.
Da ist er dann im Alter Militärattaché geworden, in Paris, schöne Zeit, hoho, und dann lebt er eben pensioniert in einem kleinen Dorf im Süden Frankreichs, mit seiner Frau, von April bis September. Dann und wann besucht sie ihr intellektueller Sohn, arrivierter Wissenschaftler für Botanik, umweltschützend.
Und wenn dann der General die alten Schellackplatten auflegt und im Garten mit Caruso singt und behauptet, Rotwein sei für alte Knaben eine von den besten Gaben, dann erzählt auch seine Frau gern mal von Paris, als sie in ihrer großen Diplomatenwohnung im Bad eingeschlossen war und nur durch beherztes Aus-dem-Fenster-Feuern ihrer schwarzen Dessous von der Concierge befreit werden konnte.
Der Sohn sitzt dann eher fassungslos daneben und lächelt den Gästen freundlich zu, etwas indigniert eben, aber das hindert den General überhaupt nicht, brusttönig zu behaupten, er sei im Umkreis von 400 (vierhundert) Kilometern der einzige Ausländer, der den „Pour le Mérite“ trüge.
Dann wird der Sohn schon mal widerborstig, und er fragt: „Papa, wie kommst du denn darauf“?
Mag sein, das jeder kultivierte Mensch zwei Vaterländer hat: sein eigenes und - Frankreich.

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